Kultur : Die Götter müssen verrückt sein

FORUM „God Man Dog“ – eine taiwanesische Geisterstunde

Christiane Peitz

Nachts sind alle Hunde los. Eine Bergstraße, eine Kurve im Laternenlicht, aus dem Nichts tauchen sie auf, streunende Köter. Ein alltäglicher Anblick, ein mystischer Augenblick, Zeichen des Himmels: Geisterstunde in Taiwan.

Regisseurin Singing Chen mag solche Rätselbilder. „God Man Dog“ ist voll von Visionen, Traumgeschichten, Epiphanien – und entwirft zugleich ein unbedingt diesseitiges Gesellschaftspanorama, soziale, politische und psychologische Anspielungen eingeschlossen. Da ist der Truck mit dem gläsernen, in der Finsternis leuchtenden Schrein voller Buddhas und Bodhisattvas. Da sind die Pfirsiche, die vom Wagen des alkoholsüchtigen Aborigines auf die Straße kullern und nichts Gutes verheißen. Da ist das Laufband, das am Ende als Preisausschreiben-Gewinn vor dem Haus der Aborigine-Familie steht. Und da ist Yellow Bull, der Besitzer des gläsernen Trucks, auch er eine Nachtgestalt. Yellow Bull hat ein kaputtes künstliches Bein, aber kein Geld für ein neues, und er sorgt sich um alles, was streunt.

Ein magisch-realistisches Bilder-Puzzle, „Short Cuts“, die südostasiatische Variante. In einem Autounfall auf der Bergstraße führt die Regisseurin die Schicksale ihrer Protagonisten einen Moment lang zusammen. Ein Wendepunkt? Vielleicht. Bis dahin zumindest wissen alle nicht weiter: Yellow Bull, weil er dringend ein neues Bein braucht. Die Architektengattin, die als Handmodel arbeitet und mit dem Baby in ihrer Designerwohnung an Wochenbett-Depression leidet. Der Architekt, der am Unglück seiner Ehefrau verzweifelt und Trost im luxuriösen Spirit-Spa-Resort sucht. Der Trinker, ein buchstäblich armer Schlucker, der sich vom protestantischen Priester Schuldgefühle indoktrinieren lässt.

Ex oriente lux – aber etwas Luxus wäre auch ganz schön. Von irrigen Hoffnungen besessen, geraten alle Figuren an falsche Propheten oder sitzen den Verheißungen der Konsumgesellschaft auf. Buddhismus, Protestantismus, Esoterik, Kapitalismus – lauter leere Heilsversprechen. Übergroß die Werbeplakate mit schönen Körpern in der Stadt, abstrus die Frömmelei des Pastors, selbstzerstörerisch die Autoaggression der Architektengattin. Singing Chen hält dagegen. Mal behutsam, mal energisch, mal melancholisch, mal ironisch: Weg mit den Ismen! Und verlasst euch nicht auf die Götter – die brauchen selbst Hilfe!

„God Man Dog“ montiert monochrome Designer-Interieurs mit farbenfrohem Patchwork, mischt sozialen Realismus mit der Exotik des Dschungels, reichert archaische Momente mit Folklore, Warenästhetik und der Schnelllebigkeit der Moderne an. So huldigen die Bilder selbst der Vielgötterei und verweigern die eine Heilslehre der Filmästhetik. Clash der Kulturen? Chen verteidigt das Chaos der Kulturen und bereitet ihm ein Fest für die Sinne. Christiane Peitz

Heute 19.30 Uhr (Delphi)

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