Kultur : Die Gottesanbeterinnen

Blick ins Horrorkabinett des irischen Katholizismus: „Die unbarmherzigen Schwestern“ von Peter Mullan

Christiane Peitz

Eine Auge, in Großaufnahme. In den Augenlidern klebt Blut. Eine rostige Schere schnippelt Mädchenhaare ab. Eine Reihe junger Frauen steht nackt in der Waschküche und zittert vor dem Urteil der Nonnen über die kleinsten und die größten Brüste. Zum Frühstück gibt es Porridge und Psalmen, während die Nonnen sich ein üppiges Mahl genehmigen. Mutter Oberin nimmt dem Mädchen Rose bei der Ankunft kurzerhand ihren Vornamen weg und gibt ihr einen anderen. Und Crispina muss Pater Fitzroy regelmäßig mit Blowjobs versorgen.

Irland, in den sechziger Jahren: Prügel, Hunger, Erniedrigung, harte Arbeit und peinliche Sauberkeit gehören zum Alltag der Frauen, die in einem der zehn irischen Magdalenen-Heime wie Sklavinnen weggesperrt sind. Sie leben schlimmer als im Gefängnis, sind sie doch nicht nur ihrer Freiheit, sondern auch ihrer Würde und sämtlicher Rechte beraubt. So auch die unehelichen jungen Mütter Rose (Dorothy Duffy) und Crispina (Eileen Walsh), die hübsche Bernadette (Nora-Jane Noone) und die bei einem Hochzeitsfest von ihrem Cousin vergewaltigte Margaret (Anne-Marie Duff). Sie kommen ins Heim unter der gestrengen Leitung von Schwester Bridget (Geraldine McEwan), die hinter ihrem Schreibtisch unentwegt Kleingeld zählt; die Magdalenen arbeiten als billige Wäscherinnen für Hotels und andere große Häuser. Maloche als Sühne für angebliche Sünden: Aber moralisch bedenklich ist an den Frauen nur - dass sie Frauen sind.

Der britische Regisseur Peter Mullan, in Deutschland vor allem als Schauspieler aus Ken Loachs Filmen bekannt, hatte Erbarmen mit ihnen. Als das Schicksal der Magdalenen-Frauen nach der Schließung des letzten Heims 1996 bekannt wurde, war Mullan entsetzt. Entsetzt über das Unrecht, über die bigotte Bosheit der Schwestern und das Schweigen der katholischen Kirche, die sich bis heute nicht bei den Opfern entschuldigt hat (im Gegenteil: Als der Film in Venedig den Goldenen Löwen gewann, protestierte prompt der Vatikan). „Die unbarmherzigen Schwestern“ ist eine Manifestation dieses Entsetzens über sexuelle Repression und Menschenschinderei wie im Arbeitslager: aufwühlend, aufklärerisch, politisch korrekt. Am Beispiel von vier Frauen zeigt Mullan, wie ihr Wille gebrochen, ihre Seelen zerstört werden und wie sie irgendwie doch überleben, als Zynikerin, stille Dulderin oder auch nur durch bloßes Glück. Ein rauer Film, mit spärlichem Soundtrack und kargem Schauwert, grob wie die braunen Kittel, die die Insassinnen tragen.

In Irland hat „The Magdalene Sisters“ eine überfällige öffentliche Diskussion ausgelöst. Aber bei allem Verdienst um die späte Rehabilitierung der Opfer ist es doch wie bei den klassischen Frauengefängnis-Filmen: Nach einer Weile überträgt sich der Sadismus der Heimleitung auf die Bilder. Mullan quält sein Publikum; auf verquere Weise kostet der Film das Elend der Mädchen selbst aus. Beim Fronleichnams-Gottesdienst auf der Dorfwiese wird Crispina irre an ihrem Leid und brüllt, der Pater sei kein Mann Gottes. Wieder und wieder schreit sie diesen Satz, bis sie wie ein Tier in die Irrenanstalt verschleppt wird. Seht her, ist das nicht schrecklich! Zwar geschieht die Gängelung der Publikumswahrnehmung zu einem guten Zweck, aber Mullans Reiz-Reaktions-Schema bleibt ebenso simpel wie seine Täter-Opfer-Dramaturgie. Wenn im Abspann steht, dass fast 30000 Frauen in den Magdalenen-Heimen lebten und starben, spekuliert auch diese Information auf den Schock angesichts der wahren Dimension dieses katholischen Horrorkabinetts.

Eine Ausnahme bildet die Szene, in der Margaret unvermutet eine offene Tür in der Gartenmauer entdeckt. Plötzlich steht sie auf der Landstraße, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Und Margaret, dieses freundliche Mädchen, das dem Leid bislang zu trotzen wusste, ist der Freiheit nicht gewachsen. Sie hat die Wahl und geht, freiwillig, wieder zurück.

Am Anfang hatte Peter Mullan auch die Gesellschaft in den Blick gerückt. Bei der Hochzeit in Margarets Familie spielt der Pastor zum Tanz auf, man feiert fröhlich und ausgelassen, bis die Gäste zu tuscheln beginnen, als Margaret einer Freundin vom Gewaltakt des Cousins berichtet und die Nachricht sich im Nu verbreitet. Die Kamera tummelt sich im Kreis der Verwandtschaft und hat teil an einer intakten, solidarischen Gemeinschaft, die den Übeltäter durchaus bestraft, bevor das „gefallene Mädchen“ in Sicherheit gebracht wird. Das ist eben das Komplizierte an der Doppelmoral: Sie hat auch eine sympathisch anmutende Seite.

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