Kultur : Die Grand Tour: Was, wann, wo, wie?

Christina Tilmann

Im 18. Jahrhundert ging die Grand Tour für jeden gebildeten Europäer nach Italien, zu den antiken Ruinen von Rom bis Sizilien. Zeige mir die Vergangenheit, und ich sage dir, wer du bist. In diesem Jahr geht die Grand Tour der Kunst zwar auch nach Italien, aber durch die Gegenwart: Die Veranstalter der vier großen Sommer-Kunstereignisse Biennale, Documenta, Skulptur Projekte und Art Basel haben sich unter dem anspruchsvollen Label zusammengeschlossen, um die zu erwartenden Ströme von Kunstinteressierten in den kommenden zwei Wochen von Venedig über Basel nach Kassel und Münster zu lotsen. Buchen kann man unter www.grandtour2007.com Hotels, Flüge, Mietautos oder Zugtickets, es gibt Links zu den einzelnen Veranstaltungen. Die Botschaft lautet: Die Kunstwelt ist vernetzt.

Mit 37 Arbeiten im Stadtraum sind die seit 1977 alle zehn Jahre stattfindenden Skulptur Projekte in Münster unter Leitung des Museum-Ludwig-Chefs Kasper König die kleinste und wahrscheinlich entspannteste Veranstaltung des Kunstsommers (Eröffnung: 17. Juni). Man radelt durch die 270 000-Einwohner-Stadt, findet am Aasee eine von Rosemarie Trockel gepflanzte Eibenhecke, entdeckt den von Guillaume Bijl ausgegrabenen Kirchturm oder folgt dem Trampelpfad von Pawel Althamer durch eine Wiese vor der Stadt.

Trampelpfade gibt es auch durch Venedig, wo mit der 52. Kunst-Biennale am Sonntag das erste Großereignis eröffnet. Nicht nur in den Giardini, wo die traditionsreichen Länderpavillons liegen, sondern in der ganzen Stadt sind mittlerweile weitere Pavillons, Kunstausstellungen und Aktionen zu finden – und das Kunstvolk trifft man im labyrinthischen Venedig an jeder Ecke. Den deutschen Pavillon gestaltet die Künstlerin Isa Genzken. Die Hauptausstellung im Arsenal, dem riesigen ehemaligen Militärgebiet, hat in diesem Jahr der New Yorker Kunstkritiker und Kurator Robert Storr zusammengestellt: Sein Augenmerk, neben eher klassischen Kunstpositionen, liegt auf außereuropäischer Kunst von der Türkei bis Afrika.

Mit außereuropäischer Kunst hatte sich auch Okwui Enwezor, der Leiter der letzten Documenta, hervorgetan. Das jetzige Kuratorenteam Roger Buergel und Ruth Noack verspricht stattdessen mehr Sinnlichkeit, Überblick und sogar Schönheit – und hält sich ansonsten mit Künstlernamen noch immer sehr bedeckt. So wird die am 16. Juni eröffnende Documenta wahrscheinlich die Überraschung des Kunstsommers werden, positiv oder negativ. Was man allerdings weiß: Ein Großteil der Ausstellung wird diesmal nicht über die Stadt verteilt, sondern in einer gewächshausartigen Halle in den Karlsauen gezeigt. Man muss ja noch nicht mit Steinen werfen ...Christina Tilmann

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