Kultur : Die graue Maus vom andern Stern

Christoph Funke

Märchen haben es schwer im Alltag. Aschenputtel gibt es viele, erlöst aus der Missachtung werden wenige. Aber die Sehnsucht ist immer da, als Talent im Verborgenen entdeckt zu werden. Jim Cartwright, 1957 in Lancashire geboren, treibt ein hintergründiges Spiel mit dieser Sehnsucht. Sein Aschenputtel ist ein menschenscheues Mädchen aus einer Küstenstadt im Norden Englands, "Little Voice", das für sich allein Lieder von Judy Garland, Marilyn Monroe, Shirley Bassey wundersam vollkommen nachsingt. Aus der somnambulen Versunkenheit herausgebrochen, verlischt ihr Zauber nach kurzem Aufflammen: Es gibt keine Show-Karriere, dafür Scherben. Und den Traum von einer großen Liebe.

Cartwrights Stück beruht auf der aggressiven Schilderung eines Kleinbürger-Milieus im Abstieg, auf dem Spaß über die wütende Kraft, die diesem Weg nach unten noch eigen ist. Er setzt auf das Gute im Bösen, lässt aber seinen Figuren nichts durchgehen. Die Leidenschaft, ein pralles Leben zu haben, trotz aller Armut, darf sich austoben. In der Tribüne will Regisseur Folke Braband, über das Milieustück hinaus, erfahrbar machen, wie sich die Leute in der abgewohnten Behausung durch Maskierung schützen. Sie stapeln hoch oder tief, wollen sich ihren Sehnsüchten nicht stellen. Dagmar Bieners liebestoll-voluminöse Mutter Mary und Matthias Zahlbaum als Zufalls-Lover Ray beginnen mit Kraftprotz-Gehabe und zeigen dann, wie "angeschafft" dieses Gebaren ist. Anna Bolk stellt dem verrückten Paar die stimmbegabte Little Voice wie ein Wesen vom anderen Stern gegenüber. Ihr bebrilltes Mädchen ist erbarmungswürdig grau, verhemmt bis in die Fußspitzen. Aber im Trotzlegt sie den einmaligen Auftritt als Stimmwunder hin. Der Abend bräuchte mehr Tempo, doch sind die Rollen erstaunlich sicher besetzt. Konstanze Proebster, Gerd Lukas Storzer und Gerhard Haase-Hindenberg zeigen verschroben deftige Leute - mit einem Hauch Ironie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar