Kultur : Die Grenze – zur Freiheit

Der Vatikan grollt gegen Liberale und Homosexuelle. Da werden die Gedichte des Papstes zur erstaunlichen Lektüre

Peter von Becker

Der Papst ordnet sein Vermächtnis. Auch wenn Johannes Paul II. immer wieder seinen sanftäugigen, doch steinharten Adlatus Kardinal Ratzinger vorschickt oder Kölns konservativen Erzbischof Meisner: Es ist das katholische Oberhaupt selbst, das seine Schafe nach dem Berliner Ökumenischen Kirchentag der permissiv-liberalen „Konturenlosigkeit“ bezichtigen lässt – und jetzt gegen „die homosexuelle Neigung“ („objektiv ungeordnet“), gegen „homosexuelle Praktiken“ („gehören zu den Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen“) und damit auch gegen jegliche Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zu Felde zieht. Denn es ist Johannes Paul, der im Vatikan regiert, und kein Schatten.

Das möchten Linke und Liberale, die den alten Mann in Rom wegen seiner Kritik am amerikanischen Irak-Krieg gerade wieder schätzen lernten, am liebsten nicht wahrhaben. Und auch dem klugen, weltoffenen Kardinal Lehmann, der in Deutschland immer den abmildernden Interpreten der römischen Hardliner spielen muss, sieht man jedesmal die Sehnsucht an, wenigstens noch ein Löschblatt zwischen Ratzingers Tinte und den päpstlichen Segen zu kriegen. Doch dieser Papst weiß, was läuft. Die äußere Hinfälligkeit des von der Parkinson-Krankheit gezeichneten Pontifex maximus täuscht.

Das zeigen jetzt auch seine Gedichte. Der 83-jährige Johannes Paul hat im Frühjahr zunächst auf Polnisch und Italienisch und seit einigen Wochen nun in deutscher Ausgabe seinen Gedicht-Zyklus „Römisches Triptychon“ präsentiert (übersetzt von Winfried Lipscher, Pawel Ptasznik und Ingrid Stampa, im Herder Verlag Freiburg, 64 Seiten, 14,90 Euro). Dieser mit Theologie wie auch mit Kunst- und Kulturgeschichte aufgeladene Text zeigt einen gedankenvollen Autor, der bis in seine als Faksimiles dokumentierte (polnische) Handschrift durch Geistesgegenwart und Formulierungssicherheit besticht.

Sein Testament und Manifest

Weil der Papst im „Triptychon“ auch von seinem näher kommenden Tod spricht und der Zeit danach, wird das lyrische Testament zugleich zum Manifest. Zum durchaus offiziösen Zeugnis: dass daran kein Zweifel aufkommen soll, beweisen die besonderen Umstände des kleinen, gewichtigen Bändchens. Der Poet tritt hier namentlich als Papst auf und schreibt, trotz aller sympathischen Demut im Stil, auch mit seiner kirchlichen Autorität – und nicht als Privatmann und Schriftsteller Karol Wojtyla, als der er früher schon Theaterstücke und 1990 noch einen Band Dichtungen veröffentlicht hat; diesen ungewöhnlichen Gestus der poetischen Intimität ex cathedra unterstreicht zudem noch eine (unprätentiös intelligente) Einführung von Joseph Kardinal Ratzinger.

Das „Römische Triptychon“, in der deutschen Literaturkritik bisher kaum genauer betrachtet, lohnt die Lektüre aus mehrfachem Grund. Denn der Papst, der von der Weltwerdung und dem Ursprung des Religiösen berichtet, er spricht, obwohl er diese Worte nie ausdrücklich gebraucht, auch von der menschlichen Freiheit und Sexualität. Allerdings beginnt das, als suche hier einer sein Heil noch irgendwo zwischen Stifter und Handke: „Die Waldbucht senkt sich herab / im Rhythmus sprudelnder Bergbäche.“

So schreibt natürlich kein formal Moderner. Wenn der Sturzbach „von oben“ (woher sonst?) „herabrauscht“ und der Autor die Frage stellt „Was sagst du mir, Bergbach?“, dann klingt solcher Anfang nach einer Mischung aus biederer Natur- und Erbauungslyrik. Doch schnell wechselt die Perspektive vom Raunen und Rauschen ins Gedankliche: Der Geist schwebt nicht in, sondern über den fallenden Wassern, die Natur bleibt unbewusste Organik oder Mechanik. Nur der Mensch, der Betrachter „staunt“.

Gegen den Strom

Johannes Paul macht dieses Staunen ganz jäh – und insoweit doch: modern – zum emphatischen Schlüsselbegriff der göttlichen, menschlichen Schöpfung und setzt dahinter, mit kalkuliertem Understatement, in Klammern noch den alle biblische Tradition überholenden Satz: „dieses Staunen ward einst ,Adam’ genannt“. „Adam“ freilich heißt im Hebräischen nur: „Mensch“. Der staunende Mensch als Vater der Gattung, das ist eine so kühne wie bescheidene, das Ergriffene und Ergreifende, vor allem das Entdeckerisch-Offene bezeichnende Wendung. Damit macht der alte Papst auf einen Schlag neugierig.

Johannes Paul, der frühere Bergsteiger und Waldwanderer, nimmt Schlucht und Gebirgsbach zum Anlass, von der „Schwelle“ des Staunens zur „Quelle“ des Lebens zu gelangen, und das geht nur bergauf: „gegen den Strom“. Dies darf man bei Johannes Paul durchaus auch als zeithistorische Metapher lesen. Und weil der Autor im Hauptteil des „Römischen Triptychons“ seinen Ort in jener Sixtinischen Kapelle findet, die Michelangelo mit den Fresken der Schöpfung und des Jüngsten Gerichts ausgemalt hat (Anfang und Ende der religiösen Weltgeschichte), ist der scheinbar verschrobene Beginn des lyrischen Drei-Bilds plötzlich beglaubigt: Auch Michelangelos Riesenfresko des finalen Gottesurteils lässt die Gerechten zum Quell des Ewigen Lebens heraufsteigen, während die Verdammten – wie das Gemälde im ganzen – auf den Betrachter herabstürzen gleich einem ungeheuren Katarakt.

Karol Wojtyla alias Johannes Paul II. hat sein „Triptychon“ also als spirituelles Gemälde und gedankliche Architektur entworfen. Er überschreibt diesen Mittelteil „Meditationen über das Buch ,Genesis’ an der Schwelle zur Sixtinischen Kapelle“. Im Anfang ist da dann nicht nur das Wort, sondern auch das Sehen und Sagen – und einmal mehr jene zuvor beschworene Überraschungs-Empfindung, die Kindern und Weisen am nächsten ist: „Wir treten ein, um in das Buch einzudringen, / von Staunen zu Staunen schreitend“. So wird die Kapelle, wird die ausgemalte Architektur zugleich zum Text, und der päpstliche Poet hat nun zwei Kronzeugen, zwei Vorschöpfer: Gott („ER“ und „IHN“) und jenen Michelangelo Buonarotti, der als Mensch, also religiös gesagt: als Gottes Ebenbild die Genesis, die göttliche Schöpfung, nochmals im Bild wiederholt und dabei auch zum Ebenbildner Gottes wird, der Adam mit seinem berühmten, inzwischen längst zum globalen Symbol gewordenen Fingerzeig nach dem eigenen Vorbild kreiert.

Michelangelos Werk ist der denkbar größte, grandioseste Einspruch gegen das alte Geheiß „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Der Künstler wird in der Sixtina so ausdrücklich wie sonst nur bei Dante, Leonardo oder Shakespeare zum zweiten Urheber der Welt, also zum Autor und damit zum gottähnlichen Menschen. Damit wäre es gedanklich bloß noch ein Schritt: zum menschlichen Gott. Der päpstliche Poet muss wohl spüren, dass er hier in aller Doppeldeutigkeit auch eine Grenze des Glaubens berührt, in dem Zwischenreich des Ästhetischen, in dem sich Magie und Mythos, Kunst und Religion berühren und bespiegeln.

Johannes Paul sagt „Über allem – der Unsagbare“ – den er eben doch „nach SEINEM Bild und Ebenbild“ beschreibt: „In der Sixtina hat der Schöpfer / menschliche Gestalt. / Der Allmächtige als hoheitsvoller alter Mensch, dem geschaffenen Adam ähnlich.“ Und: „Da streckt sich die Schöpferhand des Allmächtigen Alten / dem Adam entgegen...“ Das gleicht zwar nur der Nacherzählung des Gemalten und Bekannten, aber Johannes Pauls Pointe ist, dass er, der hoheitsvolle alte Mensch, darin auch von sich spricht. In der Sixtina werden sich, „wenn es erforderlich wird, nach meinem Tod“ die Kardinäle dann wieder zum Konklave versammeln, im Angesicht des Jüngsten Gerichts, um den neuen Stellvertreter Christi zu wählen. Darauf beschwört der Papst Michelangelos Schöpfergeste ein weiteres, letztes Mal: „DU, der DU alles durchschaust – zeige auf jenen! / Und ER wird auf ihn zeigen...“

Diese Gedichte spielen so (hoch ernst) mit den Gebärden und Botschaften. Ein Stellvertreter ist im „Römischen Triptychon“ wie in der römischen Sixtina allerdings auch der Künstler. Der Papst hat ihm seine Hommage geschrieben und steigert sich von der Religion in die Fiktion: „Michelangelo / Von dieser (Anm.: göttlich-ebenbildlichen) Wahrheit geleitet, / schloss er sich einst im Vatikan ein, / um ihn erst nach Vollendung der Sixtinischen Kapelle wieder zu verlassen.“ Michelangelo indes lebte während seiner diversen sixtinischen Arbeitsphasen (zwischen 1508 und 1541) keineswegs im Konklave.

Der Papst fingiert hier eine extreme, klösterliche Ausschließlichkeit – und: Askese. Michelangelo Buonarotti war in der Tat ein besessener Arbeiter und Visionär; doch ausgerechnet ihm wurde von konservativen Kirchenherrn wegen der Nackten des Jüngsten Gerichts eine malerische Orgie, ein Skandal der Schamlosigkeit vorgeworfen. Und nach seinem Tod bestellte Papst Paul IV. den Maler Daniele da Volterra zum Überpinseln der heikelsten Zonen (seitdem gilt Volterra in der Kunstgeschichte als „Hosenmacher“).

Mehrfach zitiert der Papst zum Weltanfang Gottes alttestamentarische Einsicht „Omnia nuda et aperta sunt ante oculos Eius“: „Alles liegt nackt und bloß vor seinen Augen“ (Hebräer 4, 13). Er variiert das im Hinblick aufs Jüngste Gericht dann zum biblischen Satz „Nackt werden sie geboren, und nackt kehren sie / zur Erde zurück“. Über Adam und Evas Nacktheit heißt es: „Die Scham kommt erst mit der Sünde.“ Schwärmend aber vom Paradies, weiß er von den ersten Nackten auch das: „Sie sind keusch.“ Und hätte doch ebenfalls sagen können: Sie sind noch ohne Scham. Also schamlos.

„Und wenn sie ,ein Fleisch’ werden“, setzt das der Papst als Poet in Anführungszeichen – und notiert durchaus doppelsinnig: „welch wundersame Vereinigung“. Da aber „erscheint an ihrem Horizont / die Vaterschaft und die Mutterschaft“, und „sie greifen nach den Quellen des Lebens, / die in ihnen sind.“ Das entspricht, strenggläubig, der katholischen Natur- und Morallehre, wobei Mann und Frau nun „die Schwelle zur größten Verantwortung / überschritten haben!“

Eine Welt ohne Liebe?

Merkwürdigerweise, bezeichnenderweise gibt es für den Papst zwar Glaube und Hoffnung – auch „gegen alle Hoffnung“ im dritten Teil des „Triptychons“, das von Abraham als Völkervater in jenem chaldäischen Ur- Land erzählt, das heute Irak heißt. Glaube und Hoffnung, doch keine Liebe . Nur ein Mal die „ewige“, nie aber die menschliche und bisweilen vergängliche, gar verschwenderische Liebe: Stattdessen nur das „gegenseitige Sich-Schenken und Beschenktwerden“ höherer, vager, abstrakter Wesen. Dies ist die Erkenntnis- und Ausdrucks-Grenze von Johannes Paul II.

Dabei schien er mit seiner Leitfigur, mit dem großen Michelangelo, der nach allen Zeugnissen und Deutungen wohl homosexuell war, doch schon an die Grenze des menschlichen Gottes gelangt. Die Künstler der Renaissance waren, seit der Antike, die ersten, die wieder die individuelle Autorenschaft begründeten, die säkulare Autonomie beanspruchten und mit der künstlerischen und philosophischen Selbstverantwortung das Reich der menschlichen Freiheit betraten. So begann jene Aufklärung, hinter die eine Dogmatik zurückfällt, die das Widersprüchliche der menschlichen Natur inhuman zur Unnatur erklären möchte. Der alte Papst, dessen Text schon mehr weiß vom Zweifel als sein Autor glaubt, er fürchtet gerade dort Schrankenlosigkeit, wo er die Chance hätte, neue Maßstäbe zu setzen.

„Wenn das, was im Paradies zerstört worden sein soll, zerstörbar war, dann war es nicht entscheidend; war es aber zerstörbar, dann leben wir in einem falschen Glauben.“ Das hat Kafka in sein Tagebuch notiert.

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