Die Grenzen der Provokation : Jonathan Meese, Bushido: Wie weit darf Kunst gehen?

Der Künstler Jonathan Meese steht vor Gericht, weil er den Hitlergruß zeigte, der Rapper Bushido kommt wegen des umstrittenen Songs „Stress ohne Grund“ auf den Index. Kunst soll provozieren, aber wo liegen die Grenzen?

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Bushido provoziert - das soll Kunst auch. Doch wo liegen die Grenzen?
Bushido provoziert - das soll Kunst auch. Doch wo liegen die Grenzen?Foto: dpa

Es ist mehr als nur Sommertheater. Die Provokunst geht um. Gerade hat sich der Rapper Bushido eine Klage eingefangen für seinen neuesten Song „Stress ohne Grund“. Der Text enthält Gewaltfantasien und schwulenfeindliche Parolen, außerdem wird Politikern wie Klaus Wowereit und Claudia Roth der Tod angedroht. Gestern kam Bushido auf den Index jugendgefährdender Medien, und ab heute steht der Künstler Jonathan Meese in Kassel vor Gericht. Er muss sich für die Verwendung von „Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen“ verantworten.

Bei einem Podiumsgespräch zum Thema „Größenwahn in der Kunstwelt“ am Rande der Documenta im vergangenen Jahr reckte der Künstler den Arm zum Hitlergruß. Meese verstand seinen Auftritt als Performance. Beim Staatsanwalt kam das allerdings gar nicht gut an. Was im abgezirkelten Rahmen auf der Bühne, im Museum, in der Galerie als symbolische Handlung noch angehen mag, ist des alltäglichen Lebens verboten. Aus gutem Grund. Neonazistischen Tendenzen wird auf diese Weise eine Ausdrucksform entzogen.

Indizierte deutsche Lieder
Am Mittwoch, 17. Juli 2013, wurde das neue Lied "Stress ohne Grund" des Berliner Rappers Bushido auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) gesetzt. Das Gremium habe die Musik-CD „NWA“ des Interpreten Shindy mit dem Bushido-Song als gefährdend für Minderjährige eingestuft. Der Text wirke verrohend, reize zu Gewalt an und diskriminiere Frauen sowie Homosexuelle. Mit dieser Reaktion des BPjM dürfte Bushido trotz allem gerechnet haben - immerhin wurden sein erstes und zweites Soloalbum indiziert: "Vom Bordstein bis zur Skyline" (2003) darf seit September 2005 nicht mehr an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft werden, weil es frauenfeindliche und diskriminierende Texte enthält, so das BPjM. Auf dem zweiten Soloalbum "Electro Ghetto" (2004) wurde der Song "Gangbang" indiziert. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie und sehen Sie, welche weiteren deutschen Lieder in der Vergangenheit indiziert wurden.Alle Bilder anzeigen
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17.07.2013 22:46Am Mittwoch, 17. Juli 2013, wurde das neue Lied "Stress ohne Grund" des Berliner Rappers Bushido auf den Index der...

Aber Jonathan Meese ein Neonazi, ein gewaltverherrlichender Ewiggestriger? Wohl kaum. Anders als Bushido, der mit konkreten Straftaten in seinem Song kokettiert, bewegt sich Meese in einem geschlossenen Kosmos, der mit der Wirklichkeit nicht in Verbindung zu bringen ist. Diesem Als-ob-Spiel fehlt jede Relevanz für den Alltag. Je wilder und wirrer sich der Künstler geriert, desto weniger ernsthaft bedrohlich wirkt das Szenario. Erst Ende vergangenen Monats gab Meese bei den Schiller-Tagen im Mannheimer Nationaltheater eine weitere Kostprobe davon ab. Bei seiner zweieinhalbstündigen Performance „Generaltanz den Schiller“ mit Hitlergruß und Hakenkreuz auf einer Alienpuppe kam ihm das Publikum jedoch zunehmend abhanden.

Meese fasziniert als Bühnenberserker, als Totalkünstler, als wahnhafter Geniedarsteller, der sich an Hitler, Wagner, Nietzsche abarbeitet. Mit seinen überbordenden Installationen, seinen energetischen Auftritten, dem irren Weltbild einer Diktatur der Kunst, die er immer wieder beschwört, entdeckte ihn auch schon bald das Theater. Christoph Schlingensief, der nicht weniger überwältigend auf der Bühne wirkte und ebenfalls die Provokation liebte, hatte ihm den Boden bereitet. 2004 lud Intendant Frank Castorf den damals 32-Jährigen Meese an die Volksbühne ein, um für seine Aufführung des Pitigrilli-Romans „Kokain“ das Bühnenbild zu gestalten. Drei Jahre später inszenierte er dort sein eigenes Stück „De Frau: Dr. Poundaddylein – Dr. Ezodysseuseusuzur“.

Schon Anselm Kiefer hat Ende der 60er Jahre den Hitlergruß probiert

Die Krönung der Bühnenkarriere: 2016 soll der Künstler in Bayreuth Wagners Oper „Parsifal“ inszenieren. Ein Coup, denn mit Meese hat man die öffentliche Erregung, die allgemeine Aufmerksamkeit gleich dazugebucht. Bei dem russischen Opernsänger Evgeny Nikitin, der im vergangenen Jahr von der Bühne flog, als tätowierte Nazisymbole auf seiner Heldenbrust sichtbar wurden, war das noch ein Versehen. Mit der Meese-Berufung aber wird der Affront offensichtlich ins Kalkül genommen, ist die kleine Grenzüberschreitung erwünscht. Schon wird mit Spannung verfolgt, wie viel hausgemachte Provokationen die Wagner-Festspiele überstehen, wie lange sich Meese hält. In wenigen Tagen hat dort erst einmal Frank Castorfs „Ring“-Inszenierung Premiere.

Es war immer schon Teil der Kunst, nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch des Erträglichen auszutarieren. Den Hitlergruß hat bereits Anselm Kiefer probiert, der Ende der sechziger Jahre kreuz und quer durch Europa reiste und sich mit ausgestrecktem Arm vor antiken Gräbern, Amphitheatern und Meeresbrandung fotografieren ließ. Mit seinen „Heroischen Sinnbildern“ rieb sich der damals 24-Jährige an der Elterngeneration, testete er mittels Reenactment die Möglichkeiten der Kunst nach dem Faschismus. Auch ihm war prompte Bekanntheit gewiss. Mitte der achtziger Jahre blieb von diesem Selbstversuch als gescheiterter Held nur noch ironische Verachtung in der Kunst. Martin Kippenberger mokierte sich über die Aufklärungsbemühungen der Bundesrepublik mit einem abstrakten Gemälde aus bunten Balken, das den perfiden Titel trägt „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“. Noch mal zwanzig Jahre später bedient sich mit Meese und dem Maler Andreas Hofer die Enkelgeneration in der Asservatenkammer der deutschen Geschichte. Sie setzt Hakenkreuze und SS-Runen nur noch als Requisiten ein. Ihre Werke entstehen im vermeintlich politikfreien Raum, wie Meese nun nicht müde wird zu versichern.

Befriedigen kann das nicht. Gewiss, bislang war die Kunst weitaus unverdächtiger als die Musik, wo zum martialischen Auftritt von Heavy-Metal-Bands seit jeher das Eiserne Kreuz und Frakturschrift gehören. Bei Slayer, Laibach, die Böhsen Onkelz ließ sich eine gefährliche Liebelei mit der braunen Vergangenheit erkennen; damit verbindet sich nicht zuletzt eine Form des Aufbegehrens gegen das Establishment, Jugendkult. Missverständnisse sind gezielt programmiert, die Kollision wird mit der Staatsanwaltschaft bewusst herbeigeführt, um sich in der Opferrolle zu gefallen und Öffentlichkeit zu erlangen. In den wenigsten Fällen ist es ein Kampf um die künstlerische Freiheit, wie ihn jetzt Meese lautstark führt, sondern ein genüssliches Sägen an den Festen der Demokratie.

Was geklärt werden muss: Wurde der Schutzraum der Kunst verlassen?

Der fünfte Artikel im Grundgesetz, der die Freiheit der Kunst garantiert, dient auch dem Schutz des Einzelnen, der sich verunglimpft fühlt. Christoph Schlingensief tönte 1997 in einer Performance „Tötet Helmut Kohl“, Martin Walser spielte 2002 in einem Roman recht unverhohlen mit dem „Tod eines Kritikers“, in dem man Marcel Reich-Ranicki erkennen konnte, und jetzt gerade: Bushido. Während weder Kohl noch Reich-Ranicki die Gerichte alarmierten, hat Klaus Wowereit Strafantrag gegen Bushido gestellt. Eine heikle Angelegenheit, bei der die Erträglichkeit öffentlicher Beschimpfung verhandelt wird. Die Bemäntelung durch einen Roman, ein Lied, ein Theaterstück reicht eben nicht allen aus.

Wie gefährlich diese Gratwanderung sein kann, bekommt nun auch Meese selbst zu spüren, der sich im Internet zunehmend Verhetzungen ausgesetzt sieht. „Ich bitte die Polizei, meinen Freund und Helfer, sich diese Leute vorzuknöpfen,“ erklärte er im „Spiegel“-Interview. Das postmoderne Zeichenspiel richtet sich plötzlich gegen seine vermeintlich arglosen Akteure.

Es mag als positives Zeichen gewertet werden, dass eine jüngere Generation naiver, gleichgültiger mit den verbotenen Insignien der Vergangenheit umgeht, der Hitler-Vergleich immer weniger als verbale Entgleisung geahndet wird. Wohl kann dabei niemandem sein, denn die Faszination für Nazi-Themen ist weiterhin latent. Ob in der Mode, im Film, in den Medien, Hitler verkauft sich. Die ikonische Bedeutung der Symbole gibt es noch immer, dafür besitzen nicht nur Künstler wie Jonathan Meese, sondern auch Staatsanwälte ein sehr feines Gespür. Nun gilt es zu klären, ob der Künstler den Schutzraum der Kunst wissentlich verlassen hat und tatsächlich böse agitierte.

Für heute hat er seinen Auftritt im Gerichtssaal angekündigt. Mit Provo-Gesten ist dort kaum zu rechnen. Aber auch sonst könnte sich der Künstler etwas Neues einfallen lassen. Vielleicht ahnt er es schon: Die größte Gefahr für ihn als Künstler besteht darin, dass er langweilt.

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