Kultur : Die Grenzen des Geldes

Europas Freiheit, Europas Gleichgültigkeit – eine Reiseerzählung von Tobias Hülswitt

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An einem verregneten Tag mache ich mich, in der glücklichen Situation, nichts anderem folgen zu müssen als meiner Laune, mit dem Zug auf den Weg von Bratislava nach Budapest. In der Morgensonne, wie von einem letzten nächtlichen blauen Schleier bedeckt, schwinden die Anfänge der Karpaten langsam aus dem Blick, und es scheint, als machten auch sie sich auf den Weg, nur in die andere Richtung, durch die westliche und nördliche Slowakei, durch die südlichsten Zipfel Polens, die südwestliche Ukraine und Rumänien, wo sie Siebenbürgen in einer weiten Krümmung aufnehmen, schließlich durch Bulgarien, auf dessen Gebiet sie auslaufen und sich bei Varna in den vergänglicheren Erhebungen des Schwarzen Meeres verlieren.

2007 ist neben dem Europäischen Jahr der Chancengleichheit das Jahr der heiligen Elisabeth von Thüringen. 1207 kam sie als Tochter des ungarischen Königs zur Welt. Der Legende nach fand am Tage ihrer Geburt die zweite Runde des Sängerkriegs auf der Wartburg statt. Heinrich von Ofterdingen war am Ende der ersten, kurz davor, seinen Kopf zu verlieren, geflohen, um den Magier und Meistersinger Klingsor aus Siebenbürgen, damals zu Ungarn gehörig, zu Hilfe zu holen. Nur die Dauer eines Gedankens hatte die Reise von Transsylvanien nach Thüringen die beiden, eingewickelt in Klingsors magische lederne Decke, gekostet. Am Ziel ihres Fluges sah Klingsor in den Sternen über dem Thüringer Wald die Geburt der heiligen Elisabeth in Ungarn und sagte voraus, sie würde später den Sohn des Thüringer Landgrafen, der die Sänger beherbergte, heiraten – was 14 Jahre später auch geschah.

In Stúrovo erreicht mein Zug die Grenze. Durch das Fenster sehe ich am Bahnsteig die europäische neben der slowakischen Flagge gehisst. Während die slowakische knattert und weht, bleibt die europäische verheddert – nur einem kleinen Zipfel gelingt ein kükenhaftes Flattern, und für einen Augenblick fürchte ich, ein slowakisch-ungarisches Grenzmenetekel zu sehen, von dem ich hoffe, dass es sich irrt.

Flüchtig kontrolliert ein ungarischer Beamter meinen Personalausweis. Ich hoffe, während der Zug seine Fahrt wieder aufnimmt, dass das zusammenwachsende Europa seine Völker wirklich versöhnen möge, indem es neben der Freiheit auch die Kraft und die Mittel bringe, mit dieser Freiheit und den Anforderungen der Demokratie fertig zu werden, die da unter anderem lauten: Vielfalt und Kontroverse nicht nur ertragen, sondern auch schätzen zu lernen. Was aber wären solche Mittel anderes als ein Kanon lebbarer, europäischer Werte? Den Kopf an die Zugscheibe gelehnt, bin ich mir sicher, dass es diesen Kanon bereits gibt. Schließlich wird er dauernd und allerorten beschworen. Und doch merke ich – er ist mir nicht ausreichend geläufig. Bei dem Versuch, ihn aufzusagen, komme ich über Freiheit und … Freiheit und … Wohlstand! nicht hinaus.

Auch wenn Formulierungen europäischer Werte in der Regel eigenartig nüchtern klingen, gebe ich doch gerne zu: Ich bin ein Fan von Europa. Die Möglichkeit, morgens in Berlin ein paar Münzen in die Tasche zu stecken und damit nachmittags in Lissabon einen Kaffee zu bezahlen, hat mir von Anfang an gefallen. Ich gebe außerdem zu, dass ich, obschon in einer katholischen Familie aufgewachsen, nicht gläubig bin.

Nach den drei Stationen meiner spirituellen Karriere – Katholizismus, Alkoholismus, Buddhismus – favorisiere ich heute weltanschauungsneutrale Formen der Lebenspflege oder der Religion, wenn wir sie so verstehen, wie der Theologe Friedrich Schleiermacher sie in seiner wunderbaren Schrift „Über die Religion“ 1799 definierte: als reine Anschauung. Anschauung, die weder Handlungsimpulse beinhaltet, noch moralisch-sittliche Regelwerke hervorbringt, noch Aussagen darüber trifft, was den Menschen nach dem Tod erwartet. Die ursprüngliche Religion im Sinne Schleiermachers aber haben wir alle. Wir pflegen sie in jeder Form des Entschleunigens und des In-uns-Kehrens, das Selbsterkenntnis und in deren Folge Mitgefühl möglich macht. Wir haben sie sogar, glaube ich, wenn wir einfach nicht denkend und wie Kinder werden, zum Beispiel beim Aus-dem-Fenster-Schauen in einem Zug.

Wo ist mein Zug? Angekommen in Budapest. Ich bin bereits ausgestiegen und auf dem Weg ins Széchenyi-Bad. Geben wir uns, während ich, hin und wieder vor Schauern in die Eingänge alter Bürgerhäuser flüchtend, meinen Weg gehe, noch ein wenig Europa hin. Gesunde Wirtschaft und stabiler Euro können Gott als letzten Grund nicht ersetzen. Solange sie es sollen, ist der vollkommene Werteschwund, der in den Führungsetagen unserer Wirtschaft offenbar um sich greift, bloß die folgerichtige Konsequenz einer populären materialistischen Ideologie.

Was eigentlich und zunächst vonnöten ist, wären zehn Europäische Jahre der Fundamente europäischer Werte: Eine Philosophie, die den Einzelnen in der Freiheit nicht alleine lässt. Eine Philosophie, die Vielfalt nicht als Bedrohung, die Freiheit, zu wählen, nicht als Durcheinander, und die Demokratie im Ganzen nicht als Überforderung, sondern als Glück erlebbar macht. Die es Europa ermöglicht, nach außen hin zu verdeutlichen, dass Liberalität und Toleranz nicht gleichbedeutend sind mit Indifferenz und Dekadenz.

Mit einer solchen populären Philosophie der Freiheit ließe sich leichter den gefährlichen und simplen Antworten autoritärer Gedankengebäude politischer wie pseudo-religiöser Natur in den alten und in den neuen EU-Ländern begegnen. Wenn es beispielsweise geschehen kann, wie jüngst im Fall der russischen Journalistin und Kreml-Kritikerin Elena Tregubova, dass ihr öffentlicher Auftritt innerhalb Deutschlands gefährdet ist, weil von der EU bezahlte Veranstalter Angst vor Wladimir Putin bekommen, dann haben wir ein Problem – weil wir zu unaufmerksam, zu naiv, zu träge oder nicht mutig genug sind, unsere Grenzen entschieden zu ziehen. Mit Grenzen meine ich geistige und prinzipielle Grenzen. Die physischen Grenzen Europas sind ein anderes, ein trauriges Problem: mindestens 6000 Menschen starben im vergangenen Jahr bei dem Versuch, aus Ländern, deren Armut zu unserem Wohlstand beiträgt, in die EU zu gelangen, und die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Massensterben 2007, im Jahr der deutschen Präsidentschaft des europäischen Rates, endet, ist nicht sehr groß.

Grundsätzlich muss vor allem meine Generation begreifen, dass ein ständiges Ringen um die Definition der Werte unserer Gesellschaft tatsächlich stattfindet, und dass dieses Ringen, wo wir seiner müde werden, stets von anderen, die offenbar nie müde werden, gewonnen wird. Jedes Werbeplakat mit seinen Heilsversprechungen vermittelt breitenwirksam Werte als höchste, die nur geringe sind. Es mag absurd klingen, doch die Europäische Union wird auf lange Sicht nicht umhin kommen, einen Grund zu finden, warum wir alle gleiche Chancen haben sollten, auch wenn es Gott nicht gibt.

Schon längst habe ich das Kabinensystem des Széchenyi-Bades durchschritten, schon umgezogen habe ich mich, schon sitze ich in der Sauna. Alles, was zu Hause in Berlin in der Spreewaldbad-Sauna verboten ist, scheint hier erwünscht! In Badesachen sitzen die Leute auf den Bänken und schwitzen ins Holz, während ihre Handtücher zum Trocknen über den Öfen hängen. Überall wird geredet, und in der Mitte der Sauna stehen Männer und lesen laut raschelnd Zeitung.

Dies ist der richtige Moment, uns noch einmal Elisabeth zuzuwenden. Elisabeth von Thüringen. Als Vierjährige wurde sie mit dem elfjährigen Thüringer Landgrafensohn Heinrich verlobt. Heinrich starb, bevor es zur Hochzeit kam. Sein jüngerer Bruder Ludwig aber hatte sich in Elisabeth verliebt und heiratete sie, als sie 14 war. Elisabeth brachte drei Kinder zur Welt, und alle Zeugnisse berichten von einer glücklichen Ehe, die allerdings endete, als Ludwig sein Leben auf einem Kreuzzug ließ. Bald darauf wurde Elisabeth von Ludwigs Familie wegen ihrer nicht zu zügelnden Mildtätigkeit verstoßen. Kaiser Friedrich II. warb um sie, doch sie lehnte ab. Sie entsagte jedem eigenen weltlichen Besitz und eröffnete von ihrem Witwenteil ein Hospital, in dem sie selbst als Pflegerin arbeitete, bis sie im Alter von 24 Jahren starb.

Es ist gar nicht schlecht, dass ihres und das Jahr der Europäischen Chancengleichheit zusammenfallen. Denn ohne Menschen wie sie, Menschen, die Solidarität in unserer vergänglichen Existenz wirklich leben, wird es Dinge wie Chancengleichheit in der säkularen Welt niemals geben. Vielleicht wird es sie überhaupt ohne eine spirituelle Aufladung demokratischer Ideale nie geben.

Und schon wieder bin ich entwischt. Wo ich am Beckenrand lag, kräuseln sich nur noch die Wellen. Von einem plötzlich aus der Unterwasserbank brechenden Massagestrahl aufgeschreckt, habe ich das Becken verlassen und gleich auch das Bad. Schon ist es Abend, schon sitze ich wieder im Zug. Eine junge Dame bereichert mein Abteil, eine französische Erasmusstudentin auf dem Heimweg nach Prag. Zu spät war sie dran und hat den Zug ohne Fahrschein bestiegen. Als der ungarische Schaffner kommt, erklärt sie ihm ihr Problem. Er nimmt ihre Forint, steckt sie in seine Brusttasche, sagt: „Okay, no problem till border!“, und verschwindet.

Fragend sieht sie mich an: „Kein Problem bis zur Grenze – und was dann?“

„Das gleiche Spiel noch einmal?“, vermute ich.

Nachdem an der Grenze das Zugteam gewechselt hat, erscheint der slowakische Schaffner. Auch ihm erklärt sie ihr Problem. Er nimmt die slowakischen Kronen, die ich ihr gebe, da sie keine hat, und steckt sie in seine Tasche.

„Ticket?“, fragt sie ihn.

Er winkt ab. „ No problem till border.“

Sie kramt ihre tschechischen Kronen hervor und zählt und kommt zu dem Schluss, dass sie für den tschechischen Schaffner reichen werden.

Zwei Stunden später endet in Bratislava ihre und meine kleine deutsch-französische Geschichte. Ich steige aus, und sie fährt zur nächsten Grenze des Geldes und weiter nach Prag.

Vom Vorplatz des Bratislavaer Bahnhofs aus sehe ich, dass auch die Karpaten von ihrer Reise nach Rumänien, aus Siebenbürgen, aus Klingsors Heimat, zurück sind. Friedlich liegen sie in der Nacht an den Rändern der Stadt.

Tobias Hülswitt, 1973 in Hannover geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er lernte Steinmetz und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Während seines Studiums veröffentlichte er seinen ersten Roman „Saga“. 2004 erschien „Ich kann dir eine Wunde schminken“, 2006 „Der kleine Herr Mister“.

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