Kultur : Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt

In seinem Roman „Das zerstörte Nest“ von 1901 erzählt Rabindranath Tagore von einer schwierigen Liebe im Zeichen der Literatur

Jörg Plath

Der Bengale Rabindranath Tagore ist ein sanfter und lakonischer Autor. Und ein raffinierter: Sein Kurzroman „Das zerstörte Nest“ ist beinahe wie eine Legende erzählt, erweist sich aber als beunruhigend doppelbödig. Vordergründig handelt er vom Zerfall einer Ehe, und Tagore spielt Katz und Maus mit der Erwartung des Lesers, gleich werde es zum Seitensprung der Ehefrau kommen. Doch der jungen Tscharulota bedeutet die Literatur alles. Es geht also um viel mehr als um Liebe. Tscharulota wird von ihrem Ehemann Bhupoti vernachlässigt und freundet sich mit dessen jüngeren Bruder an, dem Studenten Omol. Sie ermutigt ihn zum Schreiben, bis Omol ihr stolz eine literarische Zeitschrift mit einer seiner Erzählungen zeigt. Tscharu ist zutiefst enttäuscht und verfasst nun, um Omol zurückzugewinnen, ebenfalls Geschichten. Doch dieser lässt sie ohne ihr Wissen in derselben literarischen Zeitschrift veröffentlichen. Dann geht Omol zum Studium nach England. Tscharu trauert, und weil Omol ihr nicht schreibt, versetzt sie für ein Telegramm mit teurer Rückantwort aus London all ihren Schmuck. Mit einem Mal erkennt Bhupoti seine Lage.

Der Kurzroman ist gebaut wie eine Fuge. Zweimal, erst durch Omols, dann durch Tscharus Erzählungen, stellt sich Intimität her, zweimal geht sie durch die Veröffentlichungen verloren. Produktion und tragische Zerstörung von Nähe spiegelt Tagore zweimal als Farce: Während Omol in London studiert, wirbt Bhoputi mit eigenen literarischen Versuchen um Tscharu. Doch sie verzehrt sich nach Zeilen von Omol, der schließlich in dem Telegramm kundtut: „Mir geht es gut.“ Unverfänglicher kann man Katastrophen nicht auslösen.

Von indischer Exotik findet sich in diesem 1901 erschienenen Roman keine Spur. Tagore (1861 – 1941), der Literaturnobelpreisträger von 1913, Philosoph, Maler, Komponist und Musiker war ein engagierter Reformer: Er protestierte gegen die übliche Kinderheirat und gründete in der Provinz Schulen, Genossenschaften und Krankenhäuser. Außerdem revolutionierte er die bengalische Literatur durch neue Gattungen und Motive – und durch eine unverbrauchte, alltagsnahe Sprache, für die Tscharu in „Das zerstörte Nest“ gelobt wird.

Das 105 Jahre alte Buch wirkt ungemein modern, weil es von Grenzverschiebungen erzählt. Bereits auf der zweiten Seite schlägt Tagore das danach viermal durchgespielte Motiv an: Die Regierung, heißt es, betreibe in einer nicht weiter erklärten „Grenzfrage“ eine Politik, die „jegliche Zurückhaltung in diesem Punkt über Bord zu werfen schien“. In der Grenzfrage wird eine Grenze überschritten. Tscharu wiederum will mit der Literatur als dem Medium der Herzenskommunikation eine Grenze gegenüber der Außenwelt ziehen, die Omol ständig überschreitet: „Omol zeigte seine Werke allen und jedem, während Tscharu jede Zeile für sich behielt.“

Die traditionelle bengalische Gesellschaft ist in Bewegung geraten, die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verschieben sich und mit ihnen die Rollen der Geschlechter. Am Ende hilft nur eine neue, verzweifelte Grenzziehung. Tscharu schleudert ihrem Gatten einen Satz entgegen, der alles beendet, die Ehe, das geschützte Dasein, die Sehnsucht – und den Roman: „Lassen wir das!“

Rabindranath Tagore, Das zerstörte Nest. A. d. Bengali übersetzt von G. Leiste. Manesse Verlag. Zürich 2006. 112 S., 9,90 €.

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