Kultur : Die Grenzgängerin

Begegnung mit Maja Haderlap, Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt

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Zweisprachig.
Zweisprachig.Foto: REUTERS

„Noch vor einem halben Jahr“, sagt Maja Haderlap, „hätte ich es für unmöglich gehalten, dass ich an diesem Wettbewerb teilnehme.“ Ihr Verlag, der Wallstein Verlag, sei an sie herangetreten, habe sie schließlich überzeugt – und es sei gut gegangen. So kann man es auch formulieren.

Ein heißer, träger Sonntagnachmittag in Klagenfurt. Unter den Arkaden am Alten Platz sitzt die Gesellschaft beim abschließenden Mittagessen: Verleger, Juroren, Autoren, Politiker, Sponsoren. Soeben hat die Jury der 1961 in Bad Eisenkappel geborenen, seit vielen Jahren in Klagenfurt lebenden Autorin den Hauptpreis des Wettbewerbs, den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis, zugesprochen. Das war zu erwarten, denn kein anderer Text wurde in den vergangenen Tagen mit so einmütigem Lob bedacht wie Maja Haderlaps Beitrag „Im Kessel“, ein Auszug aus ihrem Debütroman „Engel des Vergessens“, der seit dem gestrigen Montag in den Buchhandlungen liegt.

Der Wettbewerb: ein echtes Heimspiel. Doch das hat es nicht einfacher gemacht für die Schriftstellerin. Maja Haderlap wirkt ruhig, in sich gekehrt, fast ein wenig überfordert von den Fotografen und Journalisten, die sich nun plötzlich auf sie stürzen. Auch ihr Text ist alles andere als auf Effekt gebürstet, dabei aber absolut sicher in seiner Bildsprache. „Im Kessel“ erzählt vom Spaziergang eines Mädchens mit ihrem Vater durch das Grenzgebiet zwischen Kärnten und Slowenien. Die Geschichte des Partisanenkampfes, die Familiengeschichte, der Nationalsozialismus, die Konzentrationslager – all das kommt während des Spaziergangs zur Sprache. Mentalität, Topographie und Historie bilden den erzählerischen Rahmen, in dem die Figuren sich bewegen. „Der Tonfall“, sagt Haderlap, „hat etwas mit dem Rhythmus des Gehens zu tun. Das Buch erzählt auch davon, wie man durch eine Landschaft geht, wie man sich darin bewegt. Es ist eine Bewegung in die Kindheit hinein und wieder aus ihr heraus.“

Maja Haderlap, Jahrgang 1961, wuchs zweisprachig auf. Der Bauernhof ihrer Eltern liegt abgeschieden; hinter Bad Eisenkappel kommen einige Kilometer Wald, danach ist Österreich zu Ende. Die Sprache ihrer Kindheit ist slowenisch. Zwei Gedichtbände hat sie in den achtziger Jahren auf Slowenisch veröffentlicht, sie war Redakteurin der Kärntner Literaturzeitschrift „mladje“ und hat zudem 15 Jahre als Chefdramaturgin am Staatstheater Klagenfurt gearbeitet.

„Zur Zeit“, erklärt Haderlap, „ist meine Denksprache Deutsch. Das hängt mit der Arbeit am Roman zusammen.“ Die Wahl der Sprache für den Roman sei keine bewusste Entscheidung gewesen; „das Deutsche ist in diesem Fall zu mir gekommen. Es hält mich auf Distanz zu diesem Thema; es ist mein Schutzschild.“ Auf Slowenisch über den Vergangenheitskomplex ihrer eigenen Biografie zu schreiben, sei ihr unmöglich gewesen. „Jede Sprache hat ihre eigenen Diskussionsräume“. Und sie fügt überraschenderweise hinzu: „Die deutsche Sprache kommt mir gerade in Bezug auf diesen Komplex unbelasteter vor. Das hat mir größere Denkfreiheit eröffnet.“

Ein Komplex. Das ist es nach wie vor. Während ein junger Autor aus Deutschland einen Roman über die Zeit des Nationalsozialismus mittlerweile ästhetisch und inhaltlich legitimieren muss, während die NS-Zeit aus deutscher Sicht historisch und literarisch umfangreich aufgearbeitet worden ist, schwelt in Österreich im Allgemeinen und in Kärnten im Besonderen noch immer ein Feuer, das jederzeit aufflackern und Emotionen freisetzen kann. Wer nach Klagenfurt zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur angereist war, konnte zum Beispiel auch die aktuelle, erbittert geführte Diskussion um die zweisprachigen Ortsschilder in Kärnten verfolgen.

An die Wurzeln dieses Konflikts rührt Maja Haderlaps Text. Gerade in Kärnten glaube man häufig nach wie vor, seine eigene Geschichte schreiben zu müssen. Die Schriftstellerin führt lieber die Mittel der Literatur ins Feld: „Ich erzähle dieses Mädchen; das Mädchen erzählt sich nicht selbst“, sagt sie, „das ist ein entscheidender Unterschied. Man wächst aus etwas heraus, und aus der Position des Herausgewachsenen betrachtet man die Spuren, die der Krieg hinterlassen hat.“ Der Grundgedanke ihres Romans „Engel des Vergessens“ – für den sie nun mit dem einer der bedeutendsten Ehrungen für deutschsprachige Literatur ausgezeichnet wurde.

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