Kultur : Die Grenzüberschreiter

„Achtung Berlin“: Ein neues Filmfestival schärft den Blick für die Boomtown und geht über die Stadt hinaus

Jan Schulz-Ojala

Diese Berliner Fensterkreuze. Die hohen Räume mit den hohen Türen wie aus uralten, heruntergekommenen Schloss-Zeitaltern. Anna (Jule Böwe) haust in den leeren Räumen einer Riesenwohnung – hier eine halbfertig angedübelte Regalwand und sonst nichts, dort ein sehr allein stehendes Bügelbrett zwischen Gilbtapeten. Ist Anna gerade eingezogen? Zieht sie aus? Oder verbarrikadiert sie sich auf immer und eigentümlich vor sich selber? Einer wie Jost (Christof Bach) könnte das rausfinden: ein Streuner, ein Einbrecher durchs Fenster, ein Grenzüberschreiter. Einer, der kein Zuhause hat und dem Anna dann doch eine Art Bett baut in einem noch anderen, leeren Zimmer.

So fangen Berliner Geschichten an. Vielleicht sogar – ungewöhnliche – Liebesgeschichten. „Close“ von Marcus Lenz, letztes Jahr beim Münchner Filmfest vorgeführt und, wenn alles gut geht, später im Frühjahr in ein paar gutverstreuten deutschen Kinos zu sehen, ist einer der 80 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme von „achtung berlin – new berlin film award“. Und mit einer zufallsprogrammatischen Metapher: Die allerneueste Festivalgründung, eine überfällige zugleich, macht die Berliner Fenster auf – frei für den Doppelblick nach draußen und drinnen.

„Wir wollen zeigen, wie sehr auch die internationale Filmszene sich hier verankert hat in den letzten zehn, fünfzehn Jahren“, sagte der junge Filmhistoriker und Festivalleiter Hajo Schäfer gestern im Kino Hackesche Höfe, das von Donnerstag bis Sonntag Mittelpunkt des Festivals sein wird. Und fügt, mit einem leisen Lächeln für die allzu großen Wörter, hinzu: „Also: nicht wie andere Festivals das Weltkino nach Berlin holen, sondern der Welt Berlin zeigen.“

Das heißt nicht unbedingt: die Stadt selbst. Sondern das, was aus Berlin heraus produziert wird. Das kann dann auch schon mal Jessica Hausners spannender Psycho-Thriller „Hotel“ sein, der ein junges, frisch angeheuertes Zimmermädchen in einem österreichischen Berggasthof zeitweise beträchtlich verloren gehen lässt, ein Hauch von „Shining“ inklusive. Aber die meisten Filme, ob im Wettbewerb „Berlin Highlights“ oder der Werkschau „Towards Berlin“ internationaler Regisseure aus Berlin, kreisen doch um die Stadt selber.

Aufmerksame Berlinale-Gänger – und besonders die Liebhaber der Reihe Perspektive Deutsches Kino – finden da etwa Teresa Renns Dokumentar-Porträt „Janine F“ über eine Tacheles-Künstlerin und ihr tragisches Ende; oder auch, ein paar Wochen vor seinem Kinostart, Robert Thalheims entzückend erwärmende Vater-Sohn-Geschichte „Netto“ wieder. Aber auch so manches aufregend Neue findet sich in dem sechs Spiel- und sechs Dokumentarfilme umfassenden Wettbewerb. „Fifty-Fifty“ von Klaus Salge und Heinz Blumensath ist die neueste Folge einer Langzeitdokumentation, in der seit 1972 alle zehn Jahre acht Personen vor die Kamera treten und über ihr Leben sprechen. Oder „Folge der Feder“ von Nuray Sahin, der das derzeit vielleicht brennendste Thema hat: Eine junge Frau aus Anatolien soll nach Berlin zwangsverheiratet werden. Angekommen in der fremden Stadt und Welt, reißt sie aus ihrer präfabrizierten Zukunft aus und macht sich auf die Suche nach Mutter und Schwester, die Jahre früher die türkische Heimat verlassen haben.

Nicht weit ist es von hier bis zu Fatih Akins „Gegen die Wand“ – jenem Film, mit dem der Timebandits-Verleih, ebenfalls angesiedelt bei den Hackeschen Höfen, über Nacht berühmt wurde. Es ist ein offener, gedankenunternehmerischer Geist, der um dieses Kino und seine Macher weht – kein Wunder, dass sie, zusammen mit Dirk Dotzerts rührigem Branchen-Verein „film-lounge“, die frische Festival-Idee fortan alljährlich stemmen wollen. 40000 Euro Starthilfe gab’s diesmal vom Hauptstadtkulturfonds, und eine hübsche Reihe Sponsoren, die allerlei Preise gestiftet haben, stellt sich wohl auch nächstes Mal wieder ein.

„Close“? So verschlossen mögen Filme sich nennen. Oder auch so nah: Irgendwann macht man das Fenster weit auf, und das schöne, seltsame Leben fängt an.

14. bis 17. April, Hackesche Höfe. Detaillierte Infos unter www.achtungberlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben