Kultur : Die Grenzverletzer

Der Tanz ist beim Theatertreffen selten zu Gast. Diesmal schon, mit Jérôme Bels „Disabled Theater“.

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Inklusion. Der französische Choreograf Jérôme Bel hat mit elf geistig behinderten Darstellern des Schweizer Theaters Hora einen Abend erarbeitet, an dem sich die Geister scheiden. Sein Credo: Man soll auf der Bühne etwas anderes sehen als sich selbst. Foto: Michael Bause
Inklusion. Der französische Choreograf Jérôme Bel hat mit elf geistig behinderten Darstellern des Schweizer Theaters Hora einen...Foto: Michael Bause

„Disabled Theater“ mutet wie ein Fremdkörper im Reigen der zehn Theatertreffen-Inszenierungen an. Der französische Choreograf Jérôme Bel hat mit elf geistig behinderten Darstellern des Schweizer Theater Hora einen Abend erarbeitet, an dem sich die Geister scheiden. Einige halten es für eine Freakshow. Dabei ist es ein mutiges Stück, weil es den integrativen Ansatz verweigert und nicht verschämt das Anderssein der Darsteller umspielt. Bel sucht die Konfrontation – und er stellt in aller Deutlichkeit die Frage: Wer ist eigentlich behindert?

Das Unbehagen der Zuschauer ist anfangs mit Händen zu greifen – das konnte man auch im November im Hebbel-Theater spüren, als „Disabled Theater“ die Intendanz von Annemie Vanackere einläutete. Die Darsteller werden zunächst ausgestellt wie exotische Tiere, sie werden dem Blick des Zuschauers ausgeliefert, der gar nicht so genau hinsehen will. Bel weiß um die Abwehrreaktionen des Publikums: „Wir sind erzogen, uns von dem abzuwenden, was anders, fremd, verwachsen oder entstellt erscheint. Ich zwinge aber die Zuschauer, ihren Blick nicht abzuwenden, sodass sie sich ihrer selbst als Beobachtende bewusst werden.“ Der Zuschauer macht an diesem Abend ein unschätzbare Erfahrung. Denn seine Wahrnehmung ändert sich, sobald er sich von der unglaublichen Präsenz der Darsteller einfangen lässt, sobald er sich einlässt auf ihr Zeitempfinden, ihr Denken und ihre Bewegungen. Aber die Darsteller besitzen durchaus Performer-Qualitäten, das wird vor allem in den Tanznummern deutlich, die sie selbst kreiert haben. Auch Bel war überrascht, wie „eloquent“ diese Tänze sind. Und erzählt: „Einige große Tänzer haben die Vorstellung gesehen. Sie kamen hinterher zu mir und sagten: ,Wenn ich diese Menschen sehe, muss ich mir eingestehen, dass ich nicht tanze‘.

In „Disabled Theater“ geht es darum, Unterschiede zu akzeptieren. Bel hat nicht versucht, die Darsteller zu verändern, sie seiner Ästhetik zu unterwerfen. Im Gegenteil. Sie sollten ihr Sosein bewahren. Sie sollen nichts darstellen. Wie in seinen anderen Arbeiten will er auch hier die Repräsentation überwinden.

Bel, Jahrgang 1964, gilt seit seinen frühen Arbeiten als Enfant terrible, inzwischen ist er einer der wichtigsten und auch klügsten Vertreter des Konzepttanzes. Sein Werdegang verläuft keineswegs linear. Nachdem er acht Jahre für französische und italienische Choreografen getanzt hatte, zog er sich völlig aus der Tanzszene zurück. Zwei Jahre lang widmete er sich intensiven Studien; er hat gelesen, geschrieben, transkribiert und das, was über Literatur und Philosophie gesagt wurde, auf Tanz und Theater übertragen. Foucault, Derrida, Barthes – das sind die Denker, auf die Bel sich beruft. In „Shirtologie“ von 1997 ging er etwa von Roland Barthes’ Ansatz aus, die Mode wie eine Sprache zu betrachten. Das Solo wurde gerade wieder beim Festival „French Friends“ gezeigt.

Mit „Jérôme Bel“ gastierte er 1995 zum ersten Mal beim Berliner Festival „Tanz im August“. Die Irritation war damals groß: Eine nackte Frau schrieb mit Lippenstift „Christian Dior“ auf ihren Oberschenkel. Der Körper als Zeichenträger – das hat Bel vielfach durchgespielt. Für den Tanztheoretiker Gerald Siegmund ist Jérôme Bel der Begründer eines Diskurses über den Tanz , der die Sprachlichkeit von Körper und Choreografie zum Thema macht. Das Berliner Publikum konnte die Entwicklung des Pariser Choreografen fast lückenlos verfolgen. Vor „Disabled Theater“ schuf Bel eine Serie getanzter Porträts – und ließ Profitänzer wie Lutz Förster oder Cédric Andrieux über Leben und Kunst reflektieren. Was Bel interessiert, ist das Individuum in seiner Einzigartigkeit und nicht die schöne Pose. Mit „Disabled Theater“ hat er diesen Ansatz in gewisser Weise fortgesetzt.

„Disabled Theater“ lief auf allen großen Festivals, auch auf der Documenta. Dass es nun zum Theatertreffen eingeladen wurde, ist dennoch eine Überraschung. Denn seit William Forsythe 2006 „Three Atmospheric Studies“ zeigte, wurde keine Tanztheater-Produktion ausgewählt. Dass der Tanz überhaupt beim Theatertreffen vertreten ist, ist Pina Bausch zu verdanken, die 1981 mit „Bandoneon“ eingeladen wurde. Der Siegeszug des deutschen Tanztheaters, das eine völlig neue Ästhetik hervorgebracht hatte, schlug sich hier mit einiger Verspätung nieder. Bausch wurde danach nur noch einmal nominiert: 1985 mit „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“ (1985). Den Rekord hält Reinhild Hoffmann mit drei Einladungen („Könige und Königinnen“ (1983), „Callas“ (1984), „Föhn“ (1986) . Für Johann Kresnik war „Frida Kahlo“ (1992) das Ticket zum Theatertreffen. Für Sasha Waltz immerhin war es ein Ritterschlag, als sie 1997 mit „Allee der Kosmonauten“ ausgewählt wurde. Sie schaffte es noch einmal mit „Körper“ (2000) zur Bestenschau.

Ein Gradmesser für das, was im zeitgenössischen Tanz passiert, ist das Theatertreffen sicherlich nicht. Und ein prinzipielles Misstrauen der Juroren lässt sich feststellen – die reine Bewegung ganz ohne Text scheinen sie als Sinnferne wahrzunehmen. Denn bislang wurden nur Produktionen eingeladen, denen durch den gesprochenen Text eine semantische Ebene eingezogen wurde. Für Jérôme Bel bedeutet die Einladung nach Berlin nicht die längst fällige Anerkennung. Trotzdem wird er sich gefreut haben, denn mit „Disabled Theater“ möchte er der Minderheit der Behinderten eine größere Sichtbarkeit verleihen. Von sozialer „Inklusion“– so der Modebegriff – seien wir nämlich weit entfernt. Bel glaubt fest daran, dass Theater nicht die Identifikationssehnsüchte der Zuschauer bedienen muss. Sein Credo lautet: „Die Essenz des Theaters ist es, etwas anderes zu sehen als sich selbst.“

„Disabled Theater“. HAU 1: 10.5., 20 Uhr, 11. und 12.5., 17 Uhr (Restkarten)

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