Kultur : Die grinsende Katze

ULRICH DEUTER

Die Tänzerin nähert sich der nun leeren Projektionswand, über die noch soeben die Eidechsen gehuscht waren, immer wiederkehrende, wassergrünliche Schimmertiere im Dunkel der Bühne.Nun sucht die Frau in stillen Bewegungen die Nähe der Wand, auf die ein bläuliches Licht ihren Schatten wirft.Mit einem Ruck bückt sich die Einsame und schlüpft zur Seite, ihr Schatten aber bleibt auf der Wand stehen, für einen Moment zu einem zweiten Wesen erwachend.Ein Schlemihl-Effekt, einer jener Momente träumerischer Irritation, die den Ruf der Regisseurin und Performerin Helena Waldmann begründet haben.

Doch im Gegensatz zu früheren Inszenierungen wie "face à", "glücksjohnny" oder "vodka konkav", in denen sie ihre Zuschauer in das namenlose Zwischenreich von Theater, Tanz, Video, Architektur entführte, hat sich die Frankfurterin in ihrer neuen Produktion "Cheshire Cat" allein für den Tanz entschieden.Tanz nicht mehr hinter raffinierten optischen Konstruktionen, sondern vor einer mit lichtspeichernder Farbe bestrichenen Wand, vor perfekt gleitenden Video-Projektionen, vor und hinter halb durchlässigen Spiegeln.Zu sehr konsumierbarer Musik aus Adrenalinbaß und Disko-Sound.

Waldmann kommt vom Schauspiel, aber die Sprache konnte ihr nie die Fülle der Bühnenkünste ersetzen.Dennoch blieb die Struktur des Textes für sie Ausgangspunkt: Duras, Jerofejew, Brecht.Diesmal Carrols "Alice in Wonderland", woraus Motive - die weitschweifige Maus, die Hummer-Quadrille, die Teeparty mit Hutmacher und Schnapphase - im englischen Original aus dem Off ertönen.Titelgebend und als Video-Projektion für ein magisches Leuchten sorgend, das körperlose Grinsen der "Edamer Katze".Doch der Text - durch hohe Geschwindigkeit ohnehin schwer verständlich - ist nun nicht mehr das, was er bei Waldmann stets war: das Segel, das einen auf eine Fahrt durch Räume aus Schönheit und Geheimnis zog.Nun kommt er sporadisch, ist nur mehr Stichwort, Kommentar zu einem Tanztheater - Chris Ho Chau Wah sowie die Zwillinge Michele und Giuseppe de Filippis -, das im ganzen konventionell gebaut ist.Es spielt mit Spiegel und Durchsicht und der Ebenbildlichkeit der beiden Tänzer, verbindet sich manchmal sehr schön mit der Projektion - Tänzerin und sie verfolgender Lichtwurm - und bleibt ihr doch weithin unverbunden, ist in seinen Tanzfiguren oft zu sehr Illustration.

Nach seiner Premiere am Frankfurter Mousonturm ist "Cheshire Cat" vom 18.bis 20.Mai und 21.bis 26.Mai im Berliner Podewil zu sehen.

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