Kultur : Die Grobmotoriker

Sie spielen Brit-Pop und kommen aus Las Vegas. Mit The Killers strebt der Gitarrenrock ins Stadion

Jörg W,er

Wer erinnert sich noch an das zweite Album von Meat Loaf? „Dead Ringer“ war 1981 der vergebliche Versuch, den phänomenalen Verkaufserfolg seines drei Jahre zuvor erschienenen Debüts „Bat Out Of Hell“ zu übertreffen. Die Folge: ein unter maßlosen Ambitionen, mediokrem Talent und monumentalen Geschmacksverirrungen ächzendes Frankenstein-Monster von einer Platte. Irgendwie muss man bei „Sam’s Town“, dem zweiten Album der Killers, daran denken. Und das nicht, weil Killers-Sänger Brandon Flowers zu Beginn der aktuellen Single „When You Were Young“, genau wie Meat Loaf klingt.

„Sam’s Town“ tritt das schwere Erbe des 2004 veröffentlichten Debüts „Hot Fuss“ an, von dem The Killers auf dem vorläufigen Höhepunkt einer Erneuerungswelle des Indie-Gitarrenrocks weltweit über fünf Millionen Exemplare absetzen konnten. Dabei waren The Killers in dem um die Jahrtausendwende einsetzenden Geplärre sich gegenseitig beeinflussender amerikanischer und britischer Gruppen ein Sprössling der dritten Generation: Die von US-Bands wie The Strokes und The White Stripes angeschobene Bewegung hatte in Großbritannien geniale Schmuddelbrüder (The Libertines) und strahlende Dancefloor-Prinzen (Franz Ferdinand) zu beachtlichen Erfolgen geführt, ehe wiederum britisch klingende amerikanische Bands wie The Bravery und The Killers den Staffelstab übernahmen. Vor allem die aus der Wüstenmetropole Las Vegas stammenden Killers trafen mit ihrem perfekten New Order/Franz Ferdinand-Verschnitt den Nerv des Publikums, das zu Hits wie „Somebody Told Me“ und „Mr. Brightside“ ausrastete.

Nun also das zweite Album. Es ist nicht einfach das neue Werk einer ziemlich guten Gitarrenrockband, die zehn Songs (und zwei schöne Interludes) vorstellt. Mit „Sam’s Town“ wollen The Killers viel mehr sein: mindestens Stadionrocker, dazu die legitimen Erben aller Bombastrock-Dinosaurier der Siebziger. Und am liebsten die Urheber der besten Platte aller Zeiten. Dafür entwerfen sie mit großer Geste ein akustisches Überwältigungsszenario, das die schon auf „Hot Fuss“ vorhandenen Ansätze eines Breitwand-Rock ins Gigantomanische steigert.

Nach einer Minute hat man den großen Rock’n’Roll-Schwindel der Killers allerdings durchschaut. Schon das erste Stück, das titelgebende „Sam’s Town“, hebt an mit einem titanischen Intro: Trommelwirbel, Synthesizerfanfaren, bollernder Bass und multiple Gitarrenspuren türmen sich zu einem Klanggebirge, das plötzlich kollabiert und dünnen Synthesizerriffs samt banalem Hardrock-Refrain Platz macht. Viele Stücke hinterlassen ähnlich zwiespältige Eindrücke wie dieser Opener, dessen in vier Minuten gepresste Tempowechsel, Arrangement-Finessen und Melodieverästelungen vom Tatbestand eines guten Rocksongs weiter entfernt sind als alles, was auf „Hot Fuss“ zu hören war. Sicher gibt es bessere Stücke auf „Sam’s Town“. Einige wie „For Reasons Unknown“, „My List“ oder „This River Is Wild“ haben ihre eigene grobmotorische Schönheit. „Why Do I Keep Counting?“ hätte sich sogar auf einer Platte vom Electric Light Orchestra gut gemacht. Und es gibt eine Menge zu entdecken: zyklopische Gitarrenwände in fein abschattierten Klangfarben. Hinreißend absurde Männerchöre. Verblüffend billige Synthesizer, die an balearische Diskos gemahnen. Gladiatorengetrommel, Pianogehämmer, das ganze Programm ... Aber es überwiegt der Eindruck: Eine Band hat sich verhoben und, was schlimmer wiegt, darüber ihre eigentlichen Qualitäten vergessen.

Für den pompösen Sound zeichnen die Produzenten Alan Moulder und Flood verantwortlich, die schon für kapitale Rock-Zwölfender wie die Smashing Pumpkins und U2 gearbeitet haben. Die Nähe zu U2 wird zusätzlich bestärkt durch die Coverfotografien von Anton Corbijn, der vor fast 20 Jahren die ikonenhaften Wüstenbilder des Megasellers „The Joshua Tree“ ablichtete. Dazu kommt die Ausstrahlung flamboyanter Figuren wie Gitarrist Dave Keuning, der Queens Brian May immer ähnlicher wird, und Brandon Flowers, der einen Imagewechsel vom verhuschten Indie-Beau zum Softmacho mit Schnurrbart vollzogen hat. Trotz stimmlicher Limitiertheit ist er ein interessanter Sänger. Seine gepresste, etwas eckige und kurzatmige Stimmführung verleiht den melodisch oft einfältigen Refrains eine Eindringlichkeit, die das Songwriting nicht hergibt.

The Killers riskieren viel, das nötigt Respekt ab. „Sam’s Town“ ist dennoch ein Dokument des Scheiterns. Vielleicht wird die Platte in ein paar Jahren als visionäres Meisterwerk eines noch zu benennenden Genres gefeiert. Bis dahin überwiegt der Unmut über zu viel Ehrgeiz, der bei jedem Song „Lass mich deine Hymne sein!“ schreit.

The Killers „Sam’s Town“ ist bei Universal erschienen.

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