Kultur : Die größte Klangkonsole der Welt

Tori Amos blickt in der Philharmonie mit Orchesterunterstützung auf ihr Werk zurück.

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Beflügelt. Tori Amos bei ihrem einzigen Deutschland-Auftritt in Berlin. Foto: dpa
Beflügelt. Tori Amos bei ihrem einzigen Deutschland-Auftritt in Berlin. Foto: dpaFoto: dpa

„Klassik ohne Grenzen“ ist ein Traum der darbenden Plattenindustrie, eine Vision von kultiviert sich mischenden Hörerschaften, geeint in nachhaltiger Konsumlust. Was sich künstlerisch dahinter verbergen könnte, wabert meist unscharf. Dennoch vergeben die Labels bei ihrer jährlichen Selbstbeweihräucherung, der Echo-Preisverleihung, eine Auszeichnung für „Klassik ohne Grenzen“. Diesmal hat sie sich Tori Amos abgeholt, für ihr Album „Night of Hunters“, das mithilfe eines Streichquartetts und Anleihen aus dem Melodienfundus von Bach über Schubert bis Alkan einen Liederzyklus à la Schumann zu erschaffen sucht.

Pünktlich zur Trophäen-Übergabe in Berlin erschien dieser Tage „Gold Dust“, das zweite Projekt der 49-jährigen Amerikanerin für das Klassik-Label Deutsche Grammophon. Klassisch daran ist der Kooperationspartner: Amos wird am Bösendorfer-Flügel, für sie so unverzichtbar wie ihre der Schwerkraft spottenden Absätze, von einer 50-köpfigen Band unterstützt, dem niederländischen Metropole Orchestra. Das sieht dem ähnlich, was den Bühnenalltag in Klassiktempeln bestimmt – und klingt doch völlig anders.

Tori Amos selbst nutzt die klassische Perspektive zu einem Rückblick auf ihr Werk, immerhin ist es gerade 20 Jahre her, dass ihr Karriereauftakt „Little Earthquakes“ auf dem Markt kam. „Gold Dust“ taucht alte Songs in neues Licht und umgeht damit geschickt die Aufmachung eines Stillstand markierenden Best-OfAlbums. Tori Amos, die sich immer wieder neu erfindende Songwriterin, orchestriert auf diese Weise auch ihre Vergangenheit um. Ein Korrekturverfahren, das hilft, erlittene Schmerzen zu heilen, wie ihre Texte es oft thematisieren.

Jetzt ist Amos, die leidenschaftliche Klavierspielerin, bei ihrem einzigen Deutschland-Auftritt in der Philharmonie angekommen. Jetzt rührt sie an „the soul of classical music“. Eine dicke Brille im Gesicht, den roten Pony immer wieder abrupt aus der Stirn schleudernd, zeigt sie sich ganz dem Willen zur Form ergeben. Keine ausufernde Zwiesprache mehr mit dem Klavier, ihrer Zufluchtstätte in aller Bedrängnis, ihren Schwingen in eine Welt der Fantasie, ihrem wild brodelnden Zauberkessel. Alles muss in den Takt, ins Lot der Partitur, die Dirigent Jules Buckley routiniert weiterblättert.

Das zeitigt auch komische Momente, wenn Amos sich in einer Klavierengführung in „Silent All These Years“ verhakelt und daraufhin „Oh my god, I fucked it up!“ ausruft. Ausgerechnet hier zu patzen, in der Philharmonie! Eine Kategorie des Versagens, die bislang nicht vorkam im allen Zudringlichkeiten trotzenden Amos-Universum. Akustisch ist es dürftig ausgeleuchtet. Das Metropole Orchestra, das sich das weltgrößte professionelle Pop- und Jazzorchester nennt, ist eng verkabelt. Ein Klangraum entsteht nicht im Saal, sondern in den Voreinstellungen der Sounddesigner. Das klingt im Ergebnis so, wie es an Musicalbühnen Praxis ist: Die Musik dringt festgezurrt und ausgepegelt aus einer von wenigen Live-Zulieferern umringten Klangkonsole. Dass in der Philharmonie aber 50 Musiker hinter Tori Amos Dienst tun, kann man nicht heraushören. Jedes Rock- Trio spielt druckvoller, eindringlicher.

Auch bei der Übertragung der Klangwelten müssen falsche Parameter angeklickt worden sein: Bestenfalls werden Musicalwerte erreicht, die Eigenwelten der Predigertochter aus North Carolina nie auch nur gestreift. Tori Amos nennt ihre Songs ihre Girls. Und natürlich will man für seine Kinder nur das Beste. Klassische Musik gehört dazu. Vielleicht schwingt der rote Pony bald durch einen Liederabend – für eine Handvoll Goldstaub mehr. Ulrich Amling

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