Kultur : Die große Desillusion

Zwischen den Kriegen: Eine Dresdner Ausstellung würdigt die Malerei der Neuen Sachlichkeit.

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Traute Runde? Otto Dix, „Familienbildnis“, 1925 Foto: J. Karpinski/©VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Traute Runde? Otto Dix, „Familienbildnis“, 1925 Foto: J. Karpinski/©VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Dresden hat sich in seiner Geschichte bestens eingerichtet. Mit den Jahren zwischen den Weltkriegen allerdings tut die Stadt sich eher schwer. So ist es eine notwendige Unternehmung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Lipsiusbau an der Brühlschen Terrasse die „Malerei der zwanziger Jahre von Dix bis Querner“ vorzuführen. Unter dem Obertitel „Neue Sachlichkeit in Dresden“ verspricht die Ausstellung – 30 Jahre nach der Übersicht zu DDR-Zeiten, „Kunst im Aufbruch. Dresden 1918 – 1933“ – einen diesmal unideologischen Blick auf die Zwischenkriegszeit.

Der Blick soll nüchtern sein, die Malerei selbst ist es nicht. Dresden war ein Zentrum der Kunst zwischen den Kriegen, aber mit Sachlichkeit ist der Grundimpuls dieser Kunst gerade nicht zu beschreiben. „Desillusionierende Bilder von Arbeitslosen, Kriegsinvaliden und Dirnen entstanden parallel zu Porträts von Arbeiterfrauen und -kindern, die den Wunsch ihrer Schöpfer nach Veränderung der Gesellschaft spiegeln“, so formuliert es plastisch Ulrich Bischoff von der Galerie Neue Meister, aus deren Sammlung die meisten Arbeiten stammen. „Desillusionierung“ ist ein Schlüsselbegriff. Mit ihm lässt sich die wechselseitige Missachtung der Positionen in Ost und West auflösen. Denn zu DDR-Zeiten galt allein die politisch-agitatorische Kunst der Zeit als erwähnenswert, während die westdeutsche Rezeption kristalline Objektdarstellungen schätzte.

Aber desillusioniert waren doch beide Positionen, wegen der ausgebliebenen Revolution von 1918/19, der gesellschaftlichen Restauration, der beständigen Not, der Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit. Und schließlich wegen des aufkommenden Nationalsozialismus, der das Schreckenserlebnis des Ersten Weltkriegs zu neuer Kriegspropaganda umbog.

Dieser Grundhaltung entsprangen unterschiedliche künstlerische Positionen. Der seit 1926 als Professor an der Akademie im Nachbargebäude des Lipsiusbaus lehrende Otto Dix ist der Fixstern, um den sich Schüler und Jünger scharen. Dix’ Verzerrungen, die dem in Dresden so gern beschworenen Schönheitsideal Hohn sprechen, zugleich aber maltechnisch brillant ausgeführt sind, besitzen enorme Anziehungskraft. „An die Schönheit“ heißt ein Hauptwerk von 1926, in dem er sich inmitten einer damals sogenannten „Negerkapelle“ und von dekolletierten Damen mit Telefon als cooler Typ präsentiert, das Gegenteil des galanten Herrn. Gesellschaftskritik – auch das eine Dresdner Spezialität – zeigt sich als Kritik jener feinen Gesellschaft, die die Härte des Alltags nicht wahrhaben will, wie es die neusachlichen Arbeitslosenbilder vorführen.

Die ab 1928 in der ASSO, der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands organisierten Künstler bleiben in der Minderzahl, sie orientieren sich künstlerisch an dem, was in Dresden gängig ist. Kurt Querner, ihr wichtigster Vertreter, malt Porträts, wie es für die Dix-Schule kennzeichnend ist, und seine „Demonstration“ bleibt, trotz oder gerade wegen der mitgeführten roten Fahne, bloße Attitüde. Was die Ausstellung zeigt, ist die gemeinsame künstlerische Haltung von „Rechts“ und „Links“, unabhängig von den politischen Parolen.

„Menschenbild“ – unter diesem in der DDR so beliebten Begriff ließe sich die Dresdner Malerei der Zwischenkriegszeit zusammenfassen. Porträts stehen im Vordergrund, ebenso der Wunsch, mit ihnen die Verhältnisse zu „entblößen“. Gerne auch wortwörtlich, wie Dix bei seinen „Drei Weibern“ von 1926. Es wimmelt von abgearbeiteten Hausfrauen, Zeitungsjungs und Arbeitslosen. Die Farben sind trist, aber auch bunt oder eher grell. Beides passt: Das Graue führt uns die Mühen des Alltags vor Augen, das Grelle den vergeblichen Wunsch, ihnen zu entfliehen. Die Grundstimmung ist in beiden Fällen die Enttäuschung. Allerdings eine Desillusionierung, der gerade in Dresden die Basis eines politisierten Alltags abging, anders als in Berlin oder selbst München. Die Ausstellung bringt eine große Anzahl von Künstlern ans Licht, die in den Schubladen der Kunstgeschichtsschreibung vergessen waren. Ein zweiter Dix allerdings ist nicht zu entdecken.

Dresden, Lipsiusbau an der Brühlschen Terrasse, bis 8. Januar. Katalog 25 €.

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