Kultur : Die große Drift

Hilary Hahn und Hauschka improvisieren auf „Silfra“.

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Im Echoraum. Geigerin Hilary Hahn und Pianist Hauschka. Foto: Mareike Foecking/DG
Im Echoraum. Geigerin Hilary Hahn und Pianist Hauschka. Foto: Mareike Foecking/DG

Sie entfernen sich voneinander, kaum merklich, unaufhörlich. Die Kontinentalplatten driften jedes Jahr bis zu zwei Zentimeter auseinander, der Spalt zwischen Europa und Nordamerika wächst. Dabei entstehen Risse und Gräben, geheimnisvolle Zwischenreiche aus Gestein, geflutet von Quellwasser, wie die Silfra-Spalte unweit von Reykjavik. Wer dort untertaucht, den erwartet ein weitverzweigtes Höhlensystem mit beinahe endloser Fernsicht, 63 Meter unter dem Meeresspiegel – und Stille, selbst wenn auf der Welt oben ein Schneesturm tobt.

Eine Nordamerikanerin und ein Europäer haben sich auf die Drift eingelassen und den Echoraum, der an der Naht der Kontinente entsteht. Hilary Hahn, die klassische Geigenvirtuosin und Hauschka, der Klavierklangtüftler aus Düsseldorf, sind unweit von Silfra ins Studio gegangen, um miteinander zu improvisieren. Zuvor haben sie sich Musik per Mail geschickt, Fährten gelegt, Vorlieben abgetastet. Und dann getan, was weitgehend verschwunden ist aus der Musik: den Moment Klang werden lassen. Mit zartem Trotz verweisen Hahn und Hauschka im Booklet ihres gerade erschienen Albums „Silfra“ (Deutsche Grammophon) darauf, dass nichts mehr nachträglich geändert wurde an ihren Aufnahmen.

Ihr Produzent Valgeir Sigurdsson hat bereits für Björk an den Reglern gesessen, in seinem Studio mit Fellen auf dem Boden fällt Sonnenlicht auf alte Klaviere. Hauschka hat sie präpariert, in der Tradition von John Cage, ihnen den großen, in sich selbst ruhenden Klang genommen. Nur einmal, im nostalgisch gestimmten „Krakow“, dürfen die Saiten frei schwingen, wie von einer untergegangenen Welt herüber. Hauschka ist ein hilfsbereiter Kollaborateur zwischen Klassik und Pop, der seine Folien und Motoren, Steinchen und Schrauben im Bauch der Klaviere auslegt und auf das stets etwas unberechenbare Echo wartet. Der Traum von Kreativität im klassischen Rahmen, beschützt durch den Zufall – auch eine Hoffnung für die Klassikindustrie.

Hahn und Hauschka nähern sich einander in aller Unschuld. Sie können warten, auch wenn sie wissen, dass es keine Erlösung geben wird, wie in „Godot“, über eine Viertelstunde lang. Nur Wiederholungsschleifen und filigrane Störgeräusche als Antwort auf unsere Fragen, in deren Schatten, leicht zu überhören, melancholische Schönheit aufblüht, im großen Driften. Ulrich Amling

Hahn und Hauschka am heutigen Donnerstag, 21 Uhr, in der Yellow Lounge im Asphalt am Gendarmenmarkt. Hauschka und der Schlagwerker Samuli Kosminen am 16.5., 20 Uhr im Heimathafen Neukölln

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