Kultur : Die große Orange

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"6000 Jahre Kultur haben nicht nur Klezmer und gefillte Fisch hervorgebracht", schnaubt Dvora Ben David, als eine Journalistin wissen will, was eigentlich genau unter "jüdischer Kultur" zu verstehen sei. Ben David ist Kulturattaché der Botschaft Israels; sie hat Moishe Waks, den Kulturreferenten der Jüdischen Gemeinde Berlin, bei der Vorbereitung der 15. Jüdischen Kulturtage nach Kräften unterstützt. Das vom 12. bis 24. November stattfindende Festival heißt in diesem Jahr "Tel Aviv Non Stop": ein Titel, der die atemlose Vitalität der jugendlichen, kaum 100 Jahre alten mediterranen Metropole pointiert. Von Israel unterscheide sich Tel Aviv, "the big orange" ebenso wie der big apple New York von Amerika, sagen die Festivalmacher. Und versprechen künstlerisch vielfältige "Brückenschläge": 38 Veranstaltungen, die gegen das derzeit dominierende Bilderarsenal der Gewalt bestehen sollen.

Der Nahost-Konflikt wird dennoch hintergründig präsent sein: wenn der Bundespräsident sich bei einer Buchvorstellung in der Heinz-Galinski-Schule mit einem jüdischen und einem arabischen Kind unterhält; wenn das Acco-Theater die Talkshow "Short-cut to god" in der Kalkscheune aufführt; wenn die Jazzband Sheshbesh westliche E-Musik und orientalische Harmonien fusioniert. Die Kulturtage erobern auch neue Orte der Stadt: das Kesselhaus der Kulturbrauerei mit Tanztheater, das Jüdische Museum mit Kammermusik; den Berliner Dom mit einem russischen Organisten, dessen Profession in seinem Emigrationsland Israel etwas Besonderes ist. Der Samstagabend mit DJ Shimrit Marom und die Modenschau mit israelischen Designern setzen Trend-Akzente in einer Festivaltradition, die sich bisweilen zwischen Biederkeit und Gemischtwarenladen nicht recht entscheiden konnte. Filme, Theater, Lesungen, Diskussionen, Konzerte - und drei Abende des Hackeschen-Hof-Theaters zum 100. Geburtstag des jiddischen Dichters Itzik Manger, der in Europa aufwuchs, in Amerika alt wurde, in Tel Aviv starb. Weltreisen also, durch die Jahrhunderte. Mit 500 000 Mark ist das Land Berlin dabei; in diesem Jahr, sagt Moishe Waks, sei noch mehr davon in die Qualität gegangen und weniger in die Verwaltung als zuvor.

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