Kultur : Die große Pause

Er war der Regiestar des jungen deutschen Theaters, bis er ausstieg. Über den Neuanfang des Stefan Bachmann

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Sie haben in den Neunzigern rasant Karriere gemacht, wurden mit 33 Jahren Schauspieldirektor in Basel. Fünf Jahre später stiegen sie aus, reisten in einem VW-Bus um die Welt und wurden Vater von Zwillingen. Nach zweijähriger Kreativpause melden Sie sich jetzt am Deutschen Theater zurück. Ein Comeback?

Bevor ich 1998 nach Basel ging, habe ich fast zehn Jahre in Berlin gelebt. Insofern ist die Stadt mir sehr vertraut, auch wenn sie sich natürlich massiv verändert hat. Aber Comeback? Mit dem Begriff habe ich Schwierigkeiten, er impliziert so einen Starkult.

Die Abwesenheit hat ihrem Marktwert anscheinend nicht geschadet. Sie konnten sich vor Angeboten kaum retten, heißt es.

Das hat mich selber auch erstaunt. Ich hatte von fast jedem Berliner Haus ein Angebot.

Sie wurden auf keiner Premierenparty gesichtet.

Als sich rumgesprochen hatte, dass ich wieder da bin, klingelte ununterbrochen das Telefon. Das hat mich einerseits gefreut. Andererseits hat das auch etwas Beklemmendes. Dass ich mich dann prompt für das Allerfalscheste entschieden habe, ist wieder ein Beweis dafür, dass ich nicht der allerbeste Manager meiner selbst bin.

Sie haben die Regie für „Groß und Klein“ an der Volksbühne nach wenigen Wochen zermürbt abgebrochen. Später brüstete sich einer der Protagonisten damit, die Volksbühne sei „das Theaterschafott Deutschlands“. Hat Sie das gekränkt?

Das wusste ich gar nicht. Ich habe damals bewusst geschwiegen. Das sind – und das sage ich jetzt ohne Schuldzuweisung – die traurigen Facetten, die Theater haben kann.

Kommt Ihnen die Berliner Theaterszene besonders grausam und selbstverliebt vor?

In Berlin findet sich vieles in verdichteter Form. Auf der einen Seite gibt es eine unglaubliche Gehässigkeit, einen Zynismus der Kritik, auf der anderen Seite eine große Egomanie, Überheblichkeit und Selbstüberschätzung der Künstler. In Berlin glauben alle, dass sie große Ansagen machen müssen. Man versucht, sich gegenseitig zu überschreien.

Hatten Sie während ihrer einjährigen Weltreise nicht manchmal Sehnsucht nach dem Theater? Oder Heimweh?

Nein. Vermisst habe ich nichts. Den Plan, eine Auszeit zu nehmen, hatte ich schon gefasst, ehe das Angebot aus Basel kam. Mir war immer klar, dass ich mich in eine Kantinenexistenz nicht verwandeln möchte. Die Gefahr besteht ja beim Theater, dass die Leute nicht mehr rausgucken aus ihrer kleinen Welt. Es war mir schon immer suspekt, wenn die Kunst sich so hermetisch abriegelt und so wenig mit der Lebensrealität zu tun hat.

Sie wollten aus der Kunstblase ausbrechen?

Ich hatte das Gefühl, dass die Welt zu klein wurde und die Karriere vorgezeichnet war. Als das Angebot aus Basel kam, war das für mich die Chance, eigenverantwortlich zu formulieren, welches Theater mich interessierte – und dies auf sehr professionellem Niveau unter Beweis zu stellen. Aber dann kam das Gefühl: Okay, jetzt kannst Du weiter aufsteigen. Nach Basel kommt dann eine größere Stadt. Diese Idee des ungebrochenen stetigen Aufstiegs hat mich plötzlich gelangweilt. Ich hatte auch das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich mich so vollständig dem Theater verschreibe. Es gibt so viel mehr im Leben, das mich interessiert. Nicht nur die große weite Welt hat mich gelockt, ich wollte auch die Menschen, die mir am nächsten stehen, besser kennen lernen – einschließlich mich selber.

Der Rückzug ins Private wurde auch als Verrat an der Kunst ausgelegt?

Das ist mir scheißegal. Für mich war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Obwohl ich nicht behaupten könnte, dass mein Blick auf die Kunst sich gravierend geändert hätte, hat sich mein Blick aufs Leben verändert. Es gibt ja dieses Dogma: Du bist nur Künstler, wenn Du dich der Kunst vollkommen hingibst. Eine völlig veraltete Ansicht. Es gibt andere Bereiche des Lebens, die ebenso wichtig sind. Ob man die in Einklang bringen kann mit der Kunst, muss man dann sehen.

Sie inszenieren nun Kleists Lustspiel „Amphitryon“. Ihre Einstiegsdroge?

Eine größere Droge als Kleist kann ich mir gar nicht vorstellen. Während meines Studiums an der Freien Universität habe ich mich intensiv mit Kleist beschäftigt. Mit dem Theater Affekt habe ich „Penthesilea“ inszeniert, was nicht Furore gemacht hat, mir aber wichtig war. Das DT hat mich ein bisschen zwingen müssen, aber jetzt bin ich ganz froh, dass ich mich habe überzeugen lassen.

Über „Amphitryon“ äußerte der Berliner Literaturwissenschaftler Peter Szondi: Kleist habe der äußeren Verwechslungskomödie die innere Verwechslungstragödie hinzugefügt. Was ist so vertrackt an dem Stück?

Das Vertrackte an „Amphitryon“ besteht schon mal darin, dass es nicht einfach eine Komödie ist, sondern dass aus dem Stück auch eine große Verzweiflung spricht. Kleist ist ein zutiefst moderner Autor, das heißt, Genreüberschreitungen sind für ihn schon selbstverständlich. „Amphitryon“ ist ein Spiel, wo es um die Offenlegung von menschlichen Affekten geht. Für mich ist es ein existenzialistischer Thriller mit den Mitteln des Slapstick.

Und danach Wagner an der Staatsoper. Haben Sie nicht ein bisschen Bammel?

Ich habe immer Bammel. Bei allem, was ich tue.

Ist Wagner auch eine Droge?

Von Wagners Musik lasse ich mich gern berauschen.

Das Gespräch führte Sandra Luzina.

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