Kultur : Die große Reise

Jorge Semprún feiert heute seinen 80. Geburtstag

Katrin Hillgruber

Im Morgengrauen eines Madrider Frühlingstages 1961 setzte sich Jorge Semprún, illegales Führungsmitglied der spanischen KP, Deckname Federico Sánchez, an eine tragbare Olivetti-Schreibmaschine. Ihr vertraute er eine lang verschüttete Erinnerung an: „Da ist diese zusammengepferchte Masse von Leibern im Wagen, dieser stechende Schmerz im rechten Knie. Tage, Nächte. Ich raffe mich auf und versuche, die Tage und Nächte zu zählen…“

Der Anfang zu seinem ersten autobiografischen Roman „Die große Reise“ war gemacht. Diese Initiation schildert er in dem Buch „Schreiben oder Leben“ von 1995, dessen Titel von der Madrider Episode im Grunde widerlegt wird: Schreiben und Leben sind für Jorge Semprún eins geworden, sie bedingen einander. Denn die Biographie dieses europäischen Homme de Lettres liest sich wie der Roman des 20. Jahrhunderts, seiner Katastrophen und enttäuschten Utopien.

Am 27. Januar 2003 war Jorge Semprún als Hauptredner beim Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in den Bundestag eingeladen. Das war 60 Jahre nach seiner Verhaftung durch die Gestapo in Frankreich, wo er sich der Résistance angeschlossen hatte. Frankreich bildete seit 1936 das Exil seiner Familie, illustren Vertretern der spanischen Demokratie: Semprúns Vater hatte bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs eine Rechtsprofessur inne, sein Onkel war der erste Innenminister der Republik.

Der Zwanzigjährige kam ins KZ Buchenwald und entging nur durch die Hilfe seiner Mithäftlinge einer weiteren Deportation ins Vernichtungslager. Von diesem „Glück“ legt der Roman „Der Tote mit meinem Namen“ (2002) eindrucksvoll Zeugnis ab. „Der Traum des Todes als einzige Wirklichkeit eines Lebens, das selbst nur ein Traum war“, fasste er diese „Zeit ohne Gesicht“ in Anlehnung an den KZ-Überlebenden Primo Levi zusammen. „Gesund ins Lager kommen und deutsch sprechen“, lautete Levis Devise, die auch Semprún das Leben rettete. Wenn er ans KZ zurückdenke, schrieb er einmal, habe er zwei Stimmen im Ohr: die „kupferne“ von Zarah Leander und die durchdringende des SS-Sturmführers: „Krematorium ausmachen!“. Denn gegen Kriegsende hätte der Rauch des Krematoriums den Amerikanern als Orientierung gedient.

So wurde Buchenwald zum Zentrum von Jorge Semprúns „unendlicher Schrift“, in der sich Politik, Autobiographie und literarischer Anspruch auf einzigartige Weise durchdringen. Stets setzte der unter Schmerzen vom Kommunismus Geläuterte die Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft höher an als die Nationalität.

Für deutsche Leser hat Semprúns ungebrochene Liebe zur Sprache Heideggers, dessen Schrift „Sein und Zeit“ er einst als Pariser Schüler verschlang, etwas Tröstliches, Großmütiges an sich. Am Deutschen schätzt Semprún in direkter Nachfolge der Madame de Staël dessen „Musik, seine komplexe, schillernde Genauigkeit“, die selbst das „kehlige Gebrüll der SS-ler“ nicht trüben konnte. Der Suhrkamp Verlag veröffentlichte zuletzt „Blick auf Deutschland“, eine Sammlung seiner Reden. Der Auftrag von Buchenwald, das Anschreiben gegen das Vergessen, überdeckt ein wenig Jorge Semprúns literarische Ausflüge in leichtere Gefilde wie den Politthriller. Heute feiert der große Europäer in Paris seinen achtzigsten Geburtstag. Die Glückwünsche aus Deutschland dürften besonders herzlich ausfallen.

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