Kultur : Die große Runde

Ulrich Clewing

macht den Galerienrundgang in Berlin Seit gut zehn Jahren gibt es nun schon den Galerienrundgang in Berlin-Mitte. Und am heutigen Sonnabend ist es wieder soweit. Anfangs war die Veranstaltung angenehm überschaubar: Auguststraße rauf, Linienstraße wieder runter, Abstecher in die Gipsstraße. Auf dem Weg traf man Freunde und Bekannte und hatte anschließend den ganzen Abend frei. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Angesichts unzähliger Galerien und enormer Entfernungen würde ein Rundgang vom offiziellen Startschuss um 17 Uhr mindestens bis zum nächsten Morgen dauern – wobei die meisten Galerien bereits um 21 Uhr wieder schließen. Die Route sollte also sorgsam geplant sein. Eine Möglichkeit wäre es, einfach der alten Strecke treu zu bleiben, auf der die Galerien Berlin (Auguststraße 19), Deschler (61), Dittmar (22), Stella A. (Gipsstraße 4), Friendly Society (Gipsstraße 23), Marianne Grob (Linienstraße 115), Alexander Ochs (Sophienstraße 16) bequem zu erreichen sind. Nicht verpassen sollte man die Galerie Eigen + Art (Auguststraße 26), wo neue Arbeiten von Olaf Nicolai zu sehen sind. Die Fotoserie „The Blondes“ besteht aus 42 Porträts von Menschen, die sich im niederländischen Tilburg in einem von Nicolai eigens dafür eingerichteten Frisörsalon die Haare haben blondieren lassen. Wer glaubt, zum Thema „Blond“ sei schon alles gesagt, wird hier eines Besseren belehrt. So erfährt der geneigte Besucher, dass Nicolai auch das Cover der neuen Platte von FSK gestaltet hat, auf der Thomas Meinecke singt: „Mariah Careys blondes Haar signifiziert den Superstar“.

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Wer dagegen zu de n Nachwuchsjägern zählt, wird in der Brunnenstraße fündig, bei Jan Winkelmann etwa, der Werke des Amerikaners Matthew Brannon zeigt (Brunnenstraße 185) oder bei Klara Wallner , die eine Ausstellung mit Arbeiten von Pet Bartl-Zuba eröffnet. Der 1975 geborene Absolvent der Kunstakademie Karlsruhe hat eine begehbare Skulptur gebaut, die man über eine Rampe betritt, um dann ihr Inneres durch einen Türspion zu observieren. Außerdem präsentiert Bartl-Zuba eine Reihe von bemerkenswerten Zeichnungen, auf denen schemenhafte Figuren mit psychedelisch wirkenden Kompositionen verschmelzen (Preise von 390–5000 Euro, Brunnenstraße 184).

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Wer nun genug Kunst gesehen hat, dem sei ein Charlottenburger Restaurant empfohlen, das seinen Gästen äußerst authentisch die Illusion vermittelt, in Tokyo zu sein ( Kushinoya , Bleibtreustraße 6). Alle anderen sollten sich keinesfalls die zweite Tokyo-Insel in Berlin entgehen lassen: die Galerie Murata & Friends . Dort ist um 19 Uhr Vernissage für die japanische Künstlerin Takako Kimura und ihre seltsamen Sticker- und Tieraufkleber-Collagen (Preise ab 500 Euro, Rosenthaler Straße 39). Ein Besuch bietet sich schon deshalb an, weil die Galerie auf dem Weg zur Holzmarktstraße liegt, und auch dort ist heute einiges los. Bei Max Hetzler zeigt der ironische Art-Brut-Wiedergänger André Butzer ein monumentales Gemälde mit lachenden Tomatengesichtern drauf, das „Griesbrei für alle!“ heißt (35000 Euro). Die diametral entgegengesetzte Position vertritt Mehdi Chouakri mit den minimalistischen Objekten von Gerold Miller, während Carlier/Gebauer Paul Pfeiffer zu Gast hat (alle Holzmarktstraße 15-18). Wer dann immer noch nicht satt ist, zieht weiter zu Loop, wo man sich über Kunst aus Südschweden informieren kann und Hari Seldon vom Neonkollektiv ab 22 Uhr Platten auflegt (Köpenicker Straße 16).

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