Kultur : Die große Schlangenbeschwörung

Berlins Museumsszene boomt – dank der Mäzene. Über Fluch und Segen des privaten Kunstengagements

Nicola Kuhn

Ein Sommer der Superlative: Noch nie gab es so lange Warteschlangen vor den Ausstellungshäusern, noch nie so viele Museumseröffnungen auf einen Schlag. Was Anfang der Neunzigerjahre herbeigeschrieben, herbeigesehnt wurde, scheint ein Jahrzehnt später Realität: Endlich zieht Berlin als Kunststadt mit anderen Metropolen gleich, in denen sich immer schon Schlangen vor Museumsbauten bildeten. Bis Anfang September werden eine Million Menschen die Ausstellung „Das MoMA in Berlin“ in der Neuen Nationalgalerie gesehen haben. Der Verein der Freunde, der die aus New York importierte Schau finanzierte, dürfte damit auch finanziell auf der sicheren Seite sein. Dank MoMA erlebt die Kunststadt einen Popularitätsschub, auf den sie lange gewartet hat.

Eine Privatinitiative wird am Ende die Erfolgsgeschichte geschrieben haben, nicht die Institution der Staatlichen Museen. Angesichts leerer Kassen wären sie kaum in der Lage, ein solches Millionenprojekt zu stemmen. Die Kameralistik erlaubt ihnen zwar seit einigen Jahren, erwirtschaftete Gelder zu behalten, nicht aber in Vorleistung zu gehen wie ein selbständiges Unternehmen. Dem behäbigen staatlichen Tanker bleibt da nur übrig, mit den schnittigen Schnellbooten der Privaten zu kooperieren.

Entscheiden also Freundeskreise und Sammler über das Renommee der Museen? Diese Erfahrung macht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dies Jahr gleich mehrfach. Zwar tritt sie mit vielen Premieren glanzvoller auf denn je, dabei fällt jedoch ein umso stärkeres Licht auf die prekäre Situation, in der sich die Staatlichen Museen befinden. Denn ohne private Unterstützung, die manches Mal teuer erkauft ist, geht es nicht mehr.

Ein „annus mirabilis“ nennt Generaldirektor Peter-Klaus Schuster dieses Jahr. Denn auf „wunderbare“ Weise werden gleich sechs Einrichtungen der Staatlichen Museen eröffnet beziehungsweise wiedereröffnet – die Berlinische Galerie als unabhängige Institution nicht mitgerechnet. Den Beginn machte im Mai das Kunstgewerbemuseum im Schloss Köpenick, dessen Instandsetzung sich über zehn Jahre hinzog. Mögen die Experten die überdesignte Ausstellungsarchitektur auch kritisieren, die barocke Enfiladen verbaut und Renaissance-Truhen grotesk überhöht: Die Schau ist, mit inzwischen über 50 000 Besuchern, ein Renner. Fast scheint es, als hätte alle Welt darauf gewartet, dass die kostbaren Stücke endlich ihr Gefängnis am Kulturforum verlassen, den unseligen Gutbrod-Bau.

Keine zwei Wochen später folgte die Stiftung Newton im ehemaligen Landwehr-Casino vis-à-vis vom Bahnhof Zoo, die trotz des glücklichen Zugewinns eines großen Nachlasses auch hier das Dilemma der Staatlichen Museen offenbart. Denn bereits die Erstausstellung des Berliner Star- und Modefotografen lockte an den Eröffnungstagen zwar so viel Publikum, dass der Einlass gedrosselt werden musste. Ein Magnet, von dem das kurz darauf im gleichen Haus eröffnete Museum für Fotografie profitiert, das damit aber in eine Schieflage gerät. Denn eigentlich sollte es den institutionellen Rahmen für die private Newton-Stiftung bilden; nun wirkt es wie die kleine Schwester, für die nur ruinierte Räume übrig blieben, während Newton in prachtvoll hergerichteten Sälen residiert. Deren Umbau zahlte aber der Fotograf selbst.

Auch hier gilt: Ohne dessen Privatinitiative wäre die Gründung eines Fotografiemuseums ein Wunschtraum geblieben. Die Verantwortlichen der Staatlichen Museen haben zwar das einzig Richtige getan und zugegriffen. Nun müssen sie Tag für Tag Newtons monumentalen „Big Nudes“ beim Betreten des Landwehr-Casinos ihre Ehre erweisen.

Weit weniger spektakulär folgten im Juni die Wiedereröffnung des Museums für Vor- und Frühgeschichte und die Neupräsentation der Südsee-Dauerausstellung im Ethnologischen Museum. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist den Staatlichen allerdings wieder sicher, wenn im September die Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof übergeben wird. Einen Monat später folgt das Münzkabinett im Bode-Museum. Hier zeigen sich die neuen Konturen der Berliner Museumslandschaft: Die Profilveränderung der Staatlichen Museen verschafft dem Engagement Privater eine eigene Dynamik.

Wie schwer sich die Staatlichen tun, wenn sie auf sich gestellt sind, belegen die Verzögerungen auf der Museumsinsel. So kommt dem im Souterrain des Bodemuseums situierten Münzkabinett im Reigen der Wiedereröffnungen eine Schlüsselrolle zu, stellt es doch einen Baustein bei der Realisierung des Masterplans dar. Drei Jahre zuvor war die Alte Nationalgalerie als erstes saniertes Gebäude übergeben worden; doch erst im Sommer 2006 wird das Bodemuseum wieder vollständig zugänglich sein. Für 2009 ist die Eröffnung des Neuen Museums terminiert; dann erst kann mit der Sanierung von Pergamonmuseum und Altem Museum begonnen werden. Immer wieder waren Kosten und Zeitpläne korrigiert worden. 1,5 Milliarden Euro prognostizieren die jüngsten Schätzungen; statt 2010 wird die Museumsinsel, das Prestigeprojekt, erst 2020 vollendet sein. Wo sich alles verteuert und immer ferner rückt, kommt selbst der Eröffnung eines kleinen, feinen Münzkabinetts symbolische Bedeutung zu – zumal es Hunderttausende historischer Münzen, Medaillen, Geldscheine hütet.

Eine echte Achsenverschiebung im Bereich der zeitgenössischen Kunst aber signalisiert die Übergabe der Friedrich Carl Flick Collection. Die teilweise hitzigen Auseinandersetzungen um die Familiengeschichte des Kunstsammlers und sein Erbe verdeutlichen nur umso mehr, was sich verändert. Da nehmen die Staatlichen Museen mit großzügiger Geste eine private Sammlung für sieben Jahre in ihre Obhut, bieten ihr im Hamburger Bahnhof eine perfekte Plattform zur Präsentation und musealen Einordnung. Sie gewinnen dafür auf einen Schlag ein bemerkenswertes Konvolut aktueller Positionen, die man seit Jahren in der Hauptstadt, die auch Kapitale der Kunst sein will, schmerzlich vermisst. Darüber hinaus bleibt die aus dem Portefeuille Flicks für 7,5 Millionen Euro hergerichtete Rieck-Halle neben dem Hamburger Bahnhof weiterhin als Ausstellungshaus erhalten. Die angefügte Verbindungsbrücke zwischen beiden Gebäuden kostet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz allerdings 900000 Euro. Hinzu kommen die Betriebskosten für die geplanten sieben Flick-Ausstellungen – laut Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann insgesamt sechs bis sieben Millionen Euro.

Diese Melange aus Kosten und Interessen, bei der sich nie ganz trennen lässt, ob es allein um die Kunst oder doch um den Sammler geht, hat im Fall Flick Kritik provoziert – angeheizt durch die Debatte um den Ursprung seines Vermögens. Hinweise auf die Familiengeschichte wird es im Zusammenhang mit der Ausstellung keine geben, so viel steht fest. Dafür hat die Preußenstiftung einen Forschungsauftrag erteilt; dem heiklen Verhältnis von Sammler und Museum will sie ein Symposium widmen, das auch auf die Tradition der Zusammenarbeit zwischen Privatleuten und Institutionen eingeht. Schließlich waren schon die großen Museumsdirektoren Tschudi und Justi zu Jahrhundertbeginn auf Hilfe angewiesen.

In Zeiten knapper Kassen ist man dies mehr denn je. Ein wichtiges Zeichen setzte hier Heinz Berggruen, als er Mitte der Neunzigerjahre seine Sammlung der Klassischen Moderne in seine Heimatstadt gab. Vis-à-vis des Charlottenburger Domizils im Stülerbau soll demnächst auch die Sammlung Scharf-Gerstenberg mit Werken der französischen Impressionisten und des Surrealismus Unterkunft finden. Durch solche Solo-Auftritte entziehen sich freilich die privaten Sammlungen einem Zusammenspiel mit den Beständen der Neuen Nationalgalerie – und einer kritischen Befragung.

„Während die Sammler ihre Kunst einbringen, stellen wir die Infrastruktur zur Verfügung und richten ein“, beschreibt Schuster den modus vivendi und nennt ihn „die Berliner Formel“. Es gebe immer ein Risiko, aber man suche einen Kompromiss des Möglichen bei gegenseitigem Respekt. „Natürlich ist das MoMA der Star“, so der Generaldirektor in Anspielung auf den Werbeslogan der großen Ausstellung, „aber ebenso ist es die Neue Nationalgalerie“.

Der Berliner Kunstsommer lehrt vor allem eines: Freundeskreise und Privatsammler werden zunehmend mit den Museen eine aufregende, gefährliche Liaison bilden. Nur so geht’s in der Kunst voran. Doch jedes Mal stellt sich auch die Frage: Wer hat das Sagen? Wer muss zahlen? Die Institution Museum hat dabei mehr zu verlieren als nur Respekt.

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