• Die Großväter der Techno-Revolution stecken in der Krise. Ex-Schlagzeuger Wolfgang Flür rechnet nun in "Kraftwerk - Ich war ein Roboter." ab.

Kultur : Die Großväter der Techno-Revolution stecken in der Krise. Ex-Schlagzeuger Wolfgang Flür rechnet nun in "Kraftwerk - Ich war ein Roboter." ab.

Steffen Irlinger

In einem Tonstudio in Düsseldorf basteln Florian Schneider und Ralf Hütter seit acht Jahren daran, Geschichte zu wiederholen. Seit 1991 und dem Album "In the Mix" gibt es bis auf den Jingle für die Expo 2000 kein neues Studiomaterial von ihrer Gruppe Kraftwerk. Die Band, der wir die Elektrifizierung der Popmusik verdanken, widmet sich bei vereinzelten Live-Auftritten lediglich der Pflege ihrer quasimythischen Aura.

Damit ist nun Schluss. Wolfgang Flür, ExSchlagzeuger der Düsseldorfer Elektronikpioniere, hat die Erinnerung an seine Zeit in der Band niedergeschrieben. Künstlerisch hatte er nach seinem Ausstieg keinen nennenswerten Erfolg; also scheint er mit Indiskretionen den Erfolg seines Buchs beflügeln zu wollen. Immerhin wissen wir nun zumindest, wo Hütter und Schneider am neuen Kraftwerk-Album feilen. Und sonst? Er habe das mythische System Kraftwerk aufbrechen und die sich als Maschinenwesen inszenierenden Musiker "vermenschlichen" wollen, behauptet Flür - und zeigt sich erstaunt über das juristische Sperrfeuer, mit dem Hütter und Schneider ihn nunmehr belegen. Sein Buch sei doch nicht "bösartig", klagt der Trommler.

Tatsächlich erscheint die Heftigkeit der Reaktion der Substanz des Werkes nicht angemessen. In "Kraftwerk - Ich war ein Roboter" welchseln weinerliche Anekdoten über die angebliche Herzlosigkeit von Hütter und Schneider bei Telefongesprächen mit kurzen Ausflüge in die Vulgärpsychologie und recht unbeholfene Versuche der Selbstaufwertung. Das ist bedauerlich, denn immerhin äußert sich hier zum ersten Mal ein Mitglied des inneren Zirkels über eine der einflussreichsten Gruppen der populären Musik. Hinter dem sorgfältig abgeschotteten Erfolgsprojekt Kraftwerk geht es mitunter zu wie in einer Soap Opera. Kraftwerk, das ist offenkundig ein strunzbanales Geflecht von Abhängigkeiten, verletzten Eitelkeiten und wechselseitigem Verfolgungswahn. Florian Schneider und der 1971 ebenfalls kurzfristig ausgestiegene Ralf Hütter hielten dabei stets das Zentrum der Macht besetzt und verwiesen ihre Mitmusiker künstlerisch und ökonomisch an die Peripherie. Flür leidet bis heute vor allem unter diesem extremen künstlerischen und ökonomischen Gefälle. Als Honorarmusiker hat er nur ein Bruchteil dessen verdient, was seine millionenschweren Arbeitgeber im Laufe der Jahre bunkern konnten. Vielleicht deshalb versucht er nun, wenigstens seinen künstlerischen Anteil einzuklagen und seinen Beitrag "literarisch" zu überhöhen.

Für Hütter und Schneider dürfte Flürs "problematisches Seelenleben" ("Kölner Illustrierte") das geringste Problem sein. Ihre künstlerische Zukunft sollte ihnen wesentlich größere Sorgen machen. Wie kann eine Band, die sich immer über ihre Innovationskraft definiert hat und deren Ruhm weniger auf der Anzahl der verkauften Platten als auf der Vertonung von technologischem Vorsprung beruht, in Zeiten permanenter Innovation ihrem eigenen Anspruch gerecht werden? Wie könnte heutzutage eine genuine Kraftwerk-Platte klingen, die sich weder dem Zeitgeist anbiedert noch hinter den Stand der Dinge zurückfällt?

Vermutlich sind der Gruppe nicht nur "die Inspiration" und "die Leichtigkeit" abhanden gekommen, wie Wolfgang Flür vermutet. Ihr Bemühen, der elektronischen Musik mit einem neuerlichen Innovationsschritt vorauszueilen, verdankt sich einer kapitalen Fehlinterpretation von Techno und House. Denn es geht schon lange nicht mehr um technologische Quantensprünge. Techno selbst ist mittlerweile in seinem klassischen Stadium angekommen. Im Zeitalter der DJ-Musik geht es nicht mehr um den linearen Fortschritt, sondern um ästhetische Verfeinerungen, Klangforschung und altmodische, fast schon vormoderne Kategorien wie Qualität und Handwerk.

Als die englische Bank Orbital 1998 beim Big Warp Festival in Mannheim einen Auftritt per ISDN-Leitung ankündigte, erntete sie nur Spott bei den professionellen Beobachtern der Partyszene. Unreflektierte Technologiehörigkeit gilt längst als überholt. Den Ravern ist es egal, wo der Sound herkommt. Für eine Generation, die mit Netscape, Dreamcast und MP3 aufwächst, sind technische Innovationen Alltag - und Kraftwerk mit ihrem verzweifelten Ringen um Innovation hoffnungslos altmodisch. Die Revolution hat ihre Väter aufgefressen.

Wenn Schneider und Hütter sich dieser Tatsache bewusst werden, könnte der Weg frei sein für eine Überraschung. Hoffentlich sagt bald jemand den Tüftlern Bescheid. Mittlerweile weiß man ja dank Wolfgang Flür wenigstens, wo man anklopfen muss.Wolfgang Flür: "Kraftwerk - Ich war ein Roboter." Hannibal Verlag, St. Andrä - Wörden 1999. 298 Seiten, 38 Mark.

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