Kultur : Die Gunst der Fuge

Zum 70. Geburtstag des Filmregisseurs Jean-Marie Straub

Christina Tilmann

Siebzig Jahre ist noch jung. Im Fall von Jean-Marie Straub jedoch ist es eher alt. Weil der französische Filmregisseur, der hauptsächlich in Deutschland und Italien dreht, in seinen Filmen geradezu erschreckend gealtert scheint. Oder im Gegenteil doch noch zu jung ist, weil seine Zeit noch nicht gekommen ist. Oder dazwischen hängt, aus der Zeit – und der Filmgeschichte – gefallen ist.

Straubs Erfolg war von Anfang an ein Anti-Erfolg. Der heute vor 70 Jahren in Metz geborene Regisseur war 1958 aus Protest gegen den Algerienkrieg nach Deutschland übergesiedelt und zum Vorbild des Neuen Deutschen Films geworden. Seine Filme waren ein Aufbegehren gegen die Poesie des französischen Films, gegen den Bombast der Hollywood-Produktionen, gegen sentimentale Weltflucht. Straub und seine Lebens- und Regiepartnerin Danièle Huillet setzen auf Kargheit, auf eine Art sachlich-kaltes Pathos. Ihre Filme sind erwachsen, fordernd, radikal. Nur humorvoll, das sind sie nicht.

Und doch: Wer genug hat von schluchzender Filmmusik, wer keine Kameraschwenks und hektischen Schnitte mehr sehen kann, keine Tränen und Leidenschaften mehr erträgt und das amerikanische method acting gründlich satt hat, der ist bei Straub/Huillet richtig. Die Schönheit einer Solovioline, die eine Bach-Partita spielt, die Gewalt einer karstigen Gebirgslandschaft, die Lakonie eines Hölderlin-Textes setzt das französische Autorenduo ins Bild. Oder vielleicht besser aus dem Bild: Denn bei Straub/Huillet lernt man wegzusehen. Weil die Kamera minutenlang unbewegt auf Füßen, Tischen oder Bäumen verharrt, weil sich so wenig tut im Bild, dass die Aufmerksamkeit sich zwangsläufig anderen Dingen zuwendet. Ja, man lernt sogar, zu abstrahieren von den Laiendarstellern, die so hölzern ihren Text aufsagen, dass man, meinte man es böse, das Ganze auch einfach nur lächerlich finden könnte.

Literatur und Musik haben Straub, der in Deutschland zunächst als Übersetzer arbeitete, inspiriert. Die Böll-Verfilmungen „Machorka-Muff“ und „Nicht versöhnt“ zu Beginn: Plädoyers gegen Wiederbewaffnung und Vergangenheitsverdrängung. „Die „Chronik der Anna Magdalena Bach“, mit der Straub 1967 bekannt wurde: eine Hommage an Bach, gebaut so streng wie eine Fuge. Die Corneille-Verfilmung „Othon“ 1969, „Geschichtsstunde“ nach Brecht 1972, „Klassenverhältnisse“ 1983 nach Kafka und Hölderlins „Tod des Empedokles“ 1986 auf der Berlinale: alles Filme, getragen von der Ehrfurcht vor dem Text, von Konzentration und wenig Effekten. Die letzten („Sicilia!“ 1998 und „Operai. Contadini“ 2000) liefen nur in Rahmenprogrammen der Festivals.

Umstritten war Straub von Anfang an. Doch alles, was Kontroversen ausgelöst hat – die Zueignung der Opernverfilmung „Moses und Aron“ 1974 an den Kameramann und Terroristen Holger Meins oder die Widmung seiner Berliner Antigone-Inszenierung 1991 den „Hundertausenden von der internationalen Volksgemeinschaft unter dem Führer George Bush ermordeten Irakern“ wirkt wie aufgesetzt auf ein Opus, das sich eigentlich verschließt. Heute mag man Straub/Huillets Filme vielleicht ins Archiv verbannen. Und morgen vielleicht wiederentdecken als große Kunst.

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