Kultur : Die gute Form

Der Allesseher: Eine Schau in Halle würdigt den Fotografen Hans Finsler und seine Schüler

Michael Zajonz

Der Fotograf sieht alles. Sieht die filigrane Stahltreppe, die diagonal nach unten führt und theatralische Schatten an die Wand wirft. Sieht die Treppe noch einmal, als Spiegelbild im riesigen, nachtschwarzen Atelierfenster. Er hat auch die Kamera samt Stativ arrangiert, die da unten im Lichtkegel steht, als Platzhalter für den Fotografen selbst. Jeden Augenblick könnte er in seinem eigenen Bild erscheinen, um den malerisch am Boden arrangierten Seidenstoff abzulichten. Dieses Foto erzählt eine Geschichte.

Es ist die selbstbewusste Inszenierung einer Erfolgsgeschichte, der Lebensgeschichte des Schweizer Fotografen Hans Finsler. Finsler hat es 1940 in seinem neuen Wohn- und Atelierhaus in Zürich aufgenommen. Nun hängt ein Vintage-Abzug des Atelierstilllebens in der Moritzburg in Halle: in einer längst überfälligen Ausstellung, die den Schweizer Jahrzehnten in Finslers Werk gilt.

Hans Finsler ist ein Klassiker der Neuen Fotografie. Seine Berufung ereilte ihn allerdings ziemlich unklassisch, quasi nebenbei. Er war wie viele bedeutende Fotografen des 20. Jahrhunderts Autodidakt. Als promovierender Kunsthistoriker mit Frau und Kind gezwungen, Geld zu verdienen, fing er zum Herbstsemester 1922 in der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle an: als Bibliothekar und Hilfslehrer für Kunstgeschichte. Um den Studenten Abbildungen der besprochenen Monumente bieten zu können, griff er selbst zur Kamera. Wenige Jahre später gehörte Finsler bereits zu den Großen der zeitgenössischen Fotografie. Seine Dissertation gab er auf.

Finsler und Halle. In der Saalestadt hat Finsler bis zur Berufung an die Zürcher Kunstgewerbeschule 1932 gewirkt. An der Hallenser Kunstschule Burg Giebichenstein entwickelte er seine künstlerische Sprache, dort entdeckte er seine Hauptthemen, die Architektur- und Sachfotografie. Entscheidende Jahre. 1986 schenkte seine Tochter Regula Lips-Finsler, selbst Fotografin, den künstlerischen Nachlass der Staatlichen Galerie Moritzburg Halle. Eine Transaktion über den Eisernen Vorhang hinweg, aus der Schweiz in die DDR. Seither steht das Hallenser Museum doppelt in Finslers Schuld.

Bereits 1991 stellte das Moritzburg-Museum eine Auswahl aus Finslers Hallenser Werk vor. Die Ausstellung wurde damals auch in Zürich und in der Berlinischen Galerie im Martin-Gropius-Bau gezeigt. Nun endlich folgt, in Zusammenarbeit mit dem Museum für Gestaltung Zürich, der Fotostiftung Schweiz in Winterthur und der ETH Zürich, Teil zwei: „Hans Finsler und die Schweizer Fotokultur 1932–1960“.

Finsler in der Schweiz, das sei, so waren sich viele Fotohistoriker bislang einig, ein wenn auch höchst niveauvoller, dennoch wenig innovativer Aufguss alter Bildideen. Ein Einknicken vor dem Erfolg. Die Ausstellung will diese Sicht revidieren. Und rückt dazu, nicht zuletzt mithilfe des hervorragenden Katalogs, Finslers Rolle als Lehrer der Fotoklasse an der damaligen Zürcher Kunstgewerbeschule ins Licht. Der 1891 in Heilbronn als Sohn eines Schweizers und einer Deutschen Geborene prägte bis zu seiner Pensionierung 1958 mehrere Generationen von Fotografen in der Schweiz. In Halle sind neben Abzügen Finslers auch wunderbare Aufnahmen seiner Schüler zu sehen. Zu ihnen gehörten Werner Bischof, René Burri, Serge Libiszewski.

Im Gegensatz zu diesen bleibt Finsler bis an sein Lebensende ästhetisch ein Kind der zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Und passt die einmal gefundene Bildsprache dennoch behutsam dem Zeitgeist an. Ein Formzertrümmerer wie Moholy-Nagy war er nicht. Ebenso wenig wie der oft mit ihm verglichene Albert Renger-Patzsch, ein König dramatischer Auf- und Untersichten bei den Architekturansichten. Finsler markiert bereits in Halle den ruhenden Pol der Neuen Fotografie. Zu Ikonen geworden sind seine Aufnahmen von Hühnereiern, anhand derer er seinen Studenten formale Regeln der Objektfotografie – Licht, Schatten, Konfiguration, Bildausschnitt – lehrte. Fotografie ist für ihn eine dienende Kunst. Menschen lichtet er nur selten ab.

Für Firmen in Deutschland und der Schweiz fotografiert Finsler immer wieder Geschirre aus Porzellan und Keramik, Bestecke, Stoffe. Differenzierte Variationen toter Dinge, denen er durch Rhythmus und Beleuchtung Leben verleiht. Als Mitglied und langjähriger Vorsitzender des schweizerischen Werkbunds propagiert er zusammen mit dem Architekturhistoriker und Freund Sigfried Giedion, dem Künstler und Gestalter Max Bill, später Direktor der Ulmer Hochschule für Gestaltung, sowie dem Werbegrafiker Alfred Willimann „die gute Form“.

Fotografie im Dienst einer Produkt- und Sachkultur, deren Perfektion sich im präzisen Hinschauen erfüllt. Was oft nur als Werbung gedacht war, verrät Finslers Forscherblick, sein grundsätzliches Interesse an einer Ordnung der Dinge, ihrer „optischen Grammatik“, wie er es selbst genannt hat. Der Fotograf sieht alles. Und macht mehr daraus.

Stiftung Moritzburg Halle, bis 30. März. Katalogbuch, gta Verlag Zürich, 46 €.

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