Kultur : Die gute Göttin von Manhattan

Sie wollte alles. Sie war eine herausragende Kulturkritikerin. Doch das Wichtigste war ihr die Literatur. Zum Tod von Susan Sontag

Gregor Dotzauer

Sie wollte nie das Orakel von Manhattan werden, als das Amerika sie sah. Rätselsprüche wie politische Gratisbekenntnisse waren ihr verhasst. Susan Sontag hatte Erfahrungen, Haltungen und Überzeugungen, aber mindestens so viele Skrupel, damit ihren intellektuellen Ort zu bestimmen. „Die erste Verpflichtung eines Schriftstellers“, erklärte sie 2001 in einem Essay über Jerusalem, „besteht nicht darin, Meinungen zu haben, sondern die Wahrheit zu schreiben und sich zu weigern, ein Komplize von Lügen und Desinformation zu werden. Literatur ist der Ausdruck von Nuancierung und Widerstand gegen die Stimmen der Vereinfachung.“ Am Dienstag ist Susan Sontag, wie bereits in einem Teil unserer Auflage berichtet, in New York an Krebs gestorben. Sie wurde 71 Jahre alt.

So divenhaft sie in ihrem Spiel von Verweigerung und öffentlicher Äußerung gewesen sein mag – mit jedem einzelnen Thema war es ihr bitterernst. Es war durchlebt und erkämpft, und ihr größter Vorzug war, dass sie dabei den Verlockungen des Originellseins widerstand und gerade deshalb originell sein konnte. Als in New York die Türme des World Trade Center zusammenstürzten, befand sie sich als Gast der American Academy in Berlin. Während in Amerika die meisten Kommentatoren den Schrecken ganz im Interesse der Bush-Regierung in abstrakte Empörungsfloskeln über den feigen Angriff auf die freie Welt packten, schüttelte sie ihre Löwenmähne, verlas vorab einen für den „New Yorker“ geschriebenen Text, in dem sie sich auf die selbstgerechte Fertigteil-Rhetorik der Medien stürzte und schlug ihnen das Wort von der Feigheit aus der Hand: Wenn etwas Mut gebraucht habe, dann sei es der Flug in die Twin Towers gewesen, wohingegen das anhaltende Bombardement des Iraks durch die USA viel eher das Prädikat feige verdiene. Abschluss des Meinungsteils mit der Warnung, dass Stärke nicht alles sei, was Amerika brauche. Überleitung zu einer langen Lesung aus ihrem Roman „In Amerika“.

Das war sie: zuerst die Politik mit der linken Hand erledigen, dann zurück zur Hauptsache, zur Kunst, zu ihrer Kunst. Der Koketterie im Umgang mit den Erwartungen des Publikums korrespondierte die Gewissheit, dass es, bei entsprechendem Bemühen um bestes Wissen und Gewissen, nichts Selbstverständlicheres gebe als eine allen mit guten Gründen vermittelbare Antwort auf politische Fragen. So ging es ihr im Lauf ihres Lebens mit allen zeitgeschichtlichen Einlassungen: Vietnamkrieg nein, israelische Hegemonie im Nahen Osten nein, Nato-Einsatz im Kosovo ja, Irakkrieg nein. Und dass sie die meisten ihrer Urteile nicht aus der Ferne ihres Schreibtischs fällte, sondern mit unmittelbarem Kriegslärm im Ohr, machte sie um so sicherer. Die Literatur dagegen schien ihr ein wesentlich ungewisseres Terrain zu öffnen, ein Feld, auf dem sie sich, in Sachen Handwerk, Empfindlichkeit und Imagination, erst noch bewähren müsste, auch wenn sie die Voraussetzung für das urwüchsige, an der Grenze zur Trivialität angesiedelte Staunen war, mit dem sie sich elementaren politischen Fragen näherte. „Tag um Tag um Tag“, sagte sie in der Zeit des jüngsten Irakkriegs, „denke ich mir: Wie außergewöhnlich ist es, dass wir hier und sicher sein können. Und die anderen sind dort.“

Susan Sontag wollte alles können: das mitreißende Reden wie das komplexe Schreiben, das Verfassen von bewegenden Romanen wie von klugen Essays, das Erfinden und Inszenieren von Theaterstücken wie das Drehen von Filmen. Nichts von alledem, ließe sich behaupten, tat sie als Dilettantin. Doch ihr überragender Erfolg als Essayistin bestätigte zuverlässig ihr stärkstes Talent. Von der Autorin der „Notes on Camp“, die 1964 in der „Partisan Review“ ihre Karriere auf den Weg brachten, wird man noch in Jahrzehnten reden, auch von ihrem persönlichsten Buch „Krankheit als Metapher“, das nun mit seinem Nachdenken über das graue Zerstörungswerk des Krebs als Epitaph über ihrem Grab hängt – dreißig Jahre nachdem sie sich zum ersten Mal mit der tödlichen Bedrohung auseinander setzen musste. Und Anfang März soll im Hanser Verlag posthum ein neuer Essay-Sammelband erscheinen.

An die Erzählerin hingegen werden sich nur noch wenige erinnern, obwohl sie das Geschichtenerfinden zu ihrer eigentlichen Berufung erklärte. Romane wie „In Amerika“ sind theoretisch so angefressen, dass sie oft nur im Reflektieren über das Erzählen vom Fleck kommen: mühselig den vermeintlichen Anforderungen des 20. Jahrhunderts unterworfene Metafiktionen.

Vielleicht muss man Sontags Versuch, in so vielen Sparten zu reüssieren, vor allem als Weg sehen, um ihre grenzenlose Neugier auf die Welt mit einem praktischen Fundament auszustatten: Man versteht schließlich nur, woran man sich zumindest in Ansätzen selbst einmal gewagt hat. So kommt jede Seitenaktivität am Ende ihrer einzigartigen Leistung als Zusammendenkerin zugute. Und: Man darf ihr Bedürfnis, den eigenen Klischees zu entkommen, nicht unterschätzen. „Ich hänge der Idee der Verwandlung an“, hat sie bekannt. „Sie ist das Amerikanischste an mir und das, was ich an Amerika am meisten liebe; man darf sein Leben ändern und sich neu erfinden. Danach suche ich in der Kunst.“

Sie war eine hinreißende Erscheinung: als junge Frau eine Schönheit, und bis zuletzt – bei der Verleihung des Friedenspreises im Oktober 2003 war sie immerhin schon 70 – charismatisch bis in die kleinste Handbewegung. Sie hatte, ohne etwas darstellen zu wollen, das Auftreten einer Schauspielerin, mit einer voll tönenden Stimme und einer natürlich sprudelnden Lebendigkeit, Eigenschaften, die sie kultivierte, aber nie übertrieb. Mit diesem Rest von Rätselhaftigkeit wurde sie zu der Ikone, als die sie Carl Rollyson und Lisa Paddock in ihrer Biografie „Susan Sontag – The Making of an Icon“ porträtieren.

Sontag kannte die Bedeutung von Bildern (und ihre Abhängigkeit von einem benennbaren Kontext) – im Guten wie im Bösen. Ihr ganzes Denken ist zwischen den Polen Wort und Bild aufgespannt. Davon zeugt ihr berühmter Essay „Über Fotografie“, der im letzten Jahr mit „Das Leiden anderer betrachten“ eine Fortsetzung fand – und unter dem abgewandelten Titel „Regarding the Torture of Others“ zuletzt eine Ergänzung mit Blick auf die Folteraufnahmen amerikanischer Soldaten von irakischen Häftlingen im Gefängnis Abu Ghraib: eine Reflexion darüber, wie sich der Alltag mit Hilfe digitaler Fotografien ständig seiner selbst zu versichern sucht und in einen unendlichen Kreislauf einspeist.

Viele in Amerika können genauso scharf denken wie Susan Sontag. Viele können ebenso farbig und präzise schreiben. Und einige haben eine ähnlich eindrucksvolle Präsenz. Aber es ist weit und breit niemand in Sicht, der all diese Begabungen auf einmal hätte.

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