Kultur : Die Guten, die Bösen

CARLA RHODE

Während Asylrechte für Ausländer mehr und mehr eingeschränkt werden, könnte ein Film gerade recht kommen, der die mangelnde Solidarität Fremden gegenüber thematisiert.Auf der Grundlage einer Novelle Joseph Conrads erzählt "Amy Foster" die Ende des neunzehnten Jahrhunderts spielende Geschichte eines russischen Immigranten, des einzigen Überlebenden einer Schiffskatastrophe vor der Küste Cornwalls.Hunderte von Leichen sind vor einer kleinen Kirche aufgebahrt, erschüttert stehen die Dörfler vor dieser Tragödie, als aber wenig später Yanko (Vincent Perez) erschöpft und verloren durch das Hochmoor irrt und beim Wohnhaus der New Barns Farm durch die Fensterscheiben guckt, löst seine verwahrloste Erscheinung Schreie und Abwehr aus.Sollten denn Trauer und Anteilnahme angesichts der vielen Ertrunkenen des Auswandererschiffs auf der Fahrt nach Amerika schon vergessen sein?

Als sei er ein gefährliches Tier, wird Yanko zusammengeschlagen und in einen Schuppen gesperrt.Er wäre verendet, hätte sich die Magd Amy Foster (Rachel Weisz) nicht um ihn gekümmert.Sie empfindet anders als die übrigen Dorfbewohner, die dem Fremdling, der eine ihnen nicht verständliche Sprache spricht, mit Haß und Abscheu begegnen.Amy, verschlossen, schweigsam, introvertiert und im Dorf deshalb nicht akzeptiert, ist von Yanko fasziniert; ihrer Anteilnahme, ihrem Mitgefühl verdankt er sein Leben.Bald verbindet die beiden eine ebenso leidenschaftliche wie mißtrauisch beäugte Liebesbeziehung.

Die Außenseiterin und der Fremde solidarisieren sich gegen den Rest der Welt - das ist natürlich ein Klischee.Joseph Conrad benutzt es, ohne daß es den meisten seiner Leser bewußt wird, um Scheinheiligkeit und den Mangel an Humanität anzuprangern.Seine psychologisierende Erzählweise, die plastisch farbigen Schilderungen verschleiern stereotype Verhaltensweisen.In der filmischen Umsetzung geht das verloren.Beeban Kidrons Adaption reduziert den Stoff auf reine Schwarzweißmalerei, sie teilt die Dorfbewohner in Gute und Böse ein.Das ist langweilig.Auch den sonst so differenziert agierenden Schauspielern - etwa Kathy Bates, sie spielt die lebenskluge Miss Swaffer, die den herumgestoßenen Yanko bei sich aufnimmt, oder Ian McKellen als Arzt, der die beschränkten, bornierten Dörfler scharf verurteilt - gelingt es nicht, das starre Regiekonzept zu durchbrechen.

Wie sollten es da die beiden jungen Hauptakteure schaffen? Rachel Weisz ("Stealing Beauty") und Vincent Perez ("Indochine") sind ein Glamour-Paar.Zu schön für diese häßliche Welt? Im Ansatz mag das richtig gedacht sein, schließlich werden die Schönen dieser Welt bewundert, aber nicht geliebt - diese beiden aber sind so lieb und sanft und hilfsbereit, so richtige Gutmenschen also, daß sie selbst als Ausgestoßene und Verfolgte einfach unglaubwürdig sind.Die Tragödie, als "großes Gefühlskino" angekündigt, reißt nicht mit.Da wirkt auch die glänzende Kameraarbeit Dick Popes mit atemberaubenden Bildern der wilden Steinküstenlandschaft Cornwalls verschenkt.

In Berlin in der Filmbühne Wien

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