Kultur : Die Hängepartie geht weiter

Michael Schindhelm soll Generaldirektor der Berliner Opernstiftung werden – aber der Stiftungsrat zögert noch

Peter von Becker

Elf Monate existiert sie schon, die nach sagenhaften Wehen geborene Berliner Opernstiftung. Nun hat Berlins Kultursenator Thomas Flierl seinen Kollegen im Oberaufsicht führenden Stiftungsrat einen Kandidaten für das Amt des Generaldirektors der Stiftung vorgeschlagen: den Direktor der Basler Theater (Oper, Schauspiel, Ballett), Michael Schindhelm.

Doch wider Erwarten hat der Stiftungsrat gestern Abend nicht entschieden und sich vertagt. Man will in den nächsten Wochen mit Schindhelm reden – aber überraschenderweise auch noch mit einem anderen Aspiranten, der in der vergangenen Woche allerdings öffentlich erklärt hatte, er verzichte auf seine Kandidatur. Es handelt sich um Bernd Fülle, den Geschäftsführer der Bühnen Frankfurt am Main. Die Hängepartie zieht sich weiter hin.

Der Papierform nach klingt der Vorschlag Schindhelm freilich überzeugend. Nicht nur, weil sich die drei Intendanten der betroffenen Häuser, Peter Mussbach (Staatsoper), Kirsten Harms (Deutsche Oper) und Andreas Homoki (Komische Oper), bereits für den Kandidaten Schindhelm ausgesprochen haben.

Der 44-Jährige, ein schlanker Mann mit bemerkenswert kühlem, durchdringendem Blick, ist ein vielbeschlagener Kopf. In Eisenach geboren, musisch und naturwissenschaftlich gleichermaßen interessiert, brach er aus der DDR-Provinzenge früh aus: gen Osten. Er studierte fünf Jahre fernab im sowjetischen Woronesch, kehrte dann als diplomierter Quantenchemiker zurück nach Ostberlin, wo er in Adlershof ein Laborzimmer mit der etwas älteren Kollegin Angela Merkel teilte – bis er 1986 auf einmal Karriere und Hauptstadtleben aufgibt und sich als Hausmann und Aushilfübersetzer in einer Kleinstadt im Harz durchschlägt.

Nach der Wende kommt auch Schindhelms Wende. Er schafft es in Nordhausen zum Intendanten, seine Bühne dort wird zur ersten Theater GmbH Ostdeutschlands, es folgt die Doppelintendanz in Gera und Altenburg, und 1996 machen ihn die Basler zum Chef des größten Dreispartentheaters der Schweiz – das 1999 zum deutschsprachigen „Theater des Jahres“ gekürt wird.

Schindhelm: ein Erfolgsmensch auf zielgraden Um- und Seitenwegen, Romancier auch und kluger Essayist, für ZDF/arte ist er zuletzt in die Mongolei gereist für seinen Film „Das Lied von der Steppe“, und dazu hat er eben noch die Erzählung „Das Kamel auf der Startbahn“ nachgereicht. In Berlin war Schindhelm schon mehrfach als Intendant im Gespräch, für das Deutsche Theater, für die Staatsoper, für die Deutsche Oper.

Der richtige Mann nun endlich für die Opernstiftung? Senator Flierl, Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler und deren Berater haben sich wohl umfassend umgeschaut. Hochkarätige Kandidaten wie Pamela Rosenberg (Operintendantin in San Francisco und davor Talentscout bei Klaus Zehelein in Stuttgart) oder der jetzt pensionierte Pariser Opernchef Hugues Gall, ein Deutschlandkenner) haben aus unterschiedlichen Gründen abgesagt; ein reiner Verwaltungsdirektor, ein Mann aus dem schieren Rechnungswesen, hätte die Position kaum ausgefüllt.

Da ist, last but not least, Michael Schindhelm geblieben. Er verkörpert jetzt die Endstation Hoffnung. Denn ohne Erfolg im Anfang wäre die Opernstiftung als fragile, in ihrer Konstruktion und Mixtur aus Macht und Ohnmacht weltweit einzigartige Holding dreier selbständiger Opernhäuser ein totgeborenes Kind. Schindhelms energische Intelligenz und Kompetenz prädestinieren ihn als Gesprächspartner und Moderator auf Augenhöhe der Künstler (einschließlich Daniel Barenboim), der Politik und der Wirtschaft – denn neben den geldsparenden Rationalisierungsaufgaben der Opernholding erwartet man sich von dem künftigen Direktor auch Impulse für das wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Engagement zugunsten der hauptstädtischen Musiktheater.

Schindhelm müsste zudem noch zwischen Basel, wo sein Vertrag 2006 ausläuft, und Berlin eine Weile jonglieren (er meint: „Das ist zu schaffen“) – und er sieht sich jetzt nochmals mit Fragen nach seinen Stasi-Kontakten konfrontiert.

Zur Erinnerung: Schindhelm hatte im Januar 2001 nach Auffinden seiner Täter- und Opferakte in einer leicht preziösen Selbstanzeige publik gemacht, dass er als 23-jähriger Student in der Sowjetunion (vor Gorbatschow) vom KGB und der Stasi zu Gesprächen und Berichten genötigt wurde, über die er die Betroffenen sogleich informierte. Auch in Basel hatte er 1999 vor Vertragsschluss über seine Vergangenheit berichtet. 2001 wurde der Fall dann nochmals überprüft.

Die Jugendsünde, wenn es denn eine war, wird nun wieder aufgekocht. Da sollte vor Besiegelung des Berliner Paktes mit Transparenz reagiert werden. Gefordert ist die Souveränität, die auch das neue Amt verlangt.

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