Kultur : Die halbe Lust und der neue Muff

LISA DIEDRICH

Wenn ein Problem zum Bau gemacht wird: die Berliner Freiraumplanungen für Kulturforum und LustgartenVON LISA DIEDRICHSchon 1967 warnten die Schweizer Planer Lucius Burckhardt und Walter Förderer davor, ein gesellschaftliches Problem zum Bau zu machen: "In einer Industriestadt", schreiben sie, "kommt die Meinung auf, es fehle ihr die Mitte.Die Politiker überlegen, was eine Mitte sein könne, daß sie vielleicht mit Kultur zu tun haben könne.Beschluß: eine Oper.Sie wird gebaut und bereichert die Stadt um ein repräsentatives Gebäude mit einer Fassade und drei weniger schönen Seiten, die dafür sorgen, daß ganz sicher kein Geschäft in die anliegenden Straßen zieht.Die Bürger kommen zu der Überzeugung, das Gebäude sei ein Fehlschlag des Städtebaus." Ähnliches ereignet sich soeben am Berliner Kulturforum.Es liegt in der Mitte der Stadt, und es gibt dort schon eine Philharmonie, von Altmeister Hans Scharoun, mit viel mehr schönen als unansehnlichen Seiten.Dennoch kam die Meinung auf, dem Kulturforum fehle die Mitte.Der Senat, angeführt von Staatssekretär Stimmann, entschied, bis zur Gemäldegalerie-Eröffnung im Juni müsse ein Ort her, der zwischen den neueren Museumsbauten und den Elefanten der Moderne vermittele - Scharounscher Philharmonie, Staatsbibliothek, Miesscher Nationalgalerie.Beschluß: eine neue Stadtlandschaft, für eine Million Mark, und ein Wettbewerb, in dem Anfang des Jahres vor allem Landschaftsarchitekten um die beste Gestaltung eben jener Mitte wettstritten.Wenn nun die ausführenden Berliner Behörden den ersten Bauabschnitt unwillig aus dem Boden stampfen oder aber das Projekt im märkischen Sande verlaufen lassen, dann läßt sich schon heute das Klagelied der Landschaftsarchitektur anstimmen: Die Berliner werden zu der Überzeugung kommen, die neue Mitte des Kulturforums sei ein Fehlschlag der Landschaftsarchitektur. Dabei ist sie bloß zwischen die Fronten geraten - die des Senats, der den Mut besaß, ein Problem zum Bau zu machen, und die der anderen, die weder Mut noch Lust haben, dieses Projekt durchzustehen.Denen das Kulturforum viel mehr nützt, so wie es ist.Die Scharoun-Gesellschaft kann ihrem Anführer Edgar Wisniewski weiterhin die Vollendung seines Lebenswerks in Form eines (ungebauten) Gästehauses vorgaukeln, die Kirche darauf spekulieren, ihren Zwerg zwischen den Elefanten aufblasen, die Philharmonie-Besucher aus Zehlendorf könnten weiterhin praktisch parken und die Grünen im Stadtentwickungsausschuß von organisch geformten Froschteichen träumen.Da fallen Entwürfe als Funken ins Pulverfaß, zumal solche, die weder Scharoun noch den heutigen Platzhirschen huldigen. Einen solchen hatte die Jury zur Realisierung empfohlen und damit das Scharounsche Landschafts-Konzept für unangemessen erklärt in einer Stadt, die in ihrer wiedergewonnen Mitte nach Dichte strebt.Sich "nach allen Seiten zu verbeugen", betonen die gekürten Münchner Landschaftsarchitekten Donata und Christoph Valentin, reiche nicht, um dem Kulturforum ein Gesicht zu geben.Sie schlugen vor, im ersten Bauabschnitt eine Terrasse neben der Miesschen zu errichten, mit einem Baumdach und einer Skulpturmauer - ein Foyer unter freiem Himmel.Von den vorgeschlagenen Kiefern rückten sie ab und bestellten bizarre, schnell wachsende Götterbäume, eine Baumart, die Scharouns Landschaftsarchitekt Mattern bereits eingesetzt hatte.Bis zum 12.Juni könnten sie anwachsen, wenn nicht der Chef der ausführenden Grün Berlin GmbH, Gottfriedsen, zwei linke Hände bekommen hätte und keine Terrassenmauern mehr ausschreiben kann - weil er den Entwurf "beschissen" findet.So gelangen die Berliner womöglich zu der Auffassung, Landschaftsarchitektur ist, wenn der Senat eine Mitte will und seine rechte Hand eine grüne Wiese. Trösten können sie sich damit, daß unweit, in der anderen Mitte der Stadt, andere Landschaftsarchitekten an einer lustigeren Aufgabe arbeiten - der Neugestaltung des Lustgartens.Doch auch hier tippen sie daneben.Die Lust ist allen Beteiligten vergangen.Zwei Wettbewerbe brachten kein umsetzbares Ergebnis.Um die Sache zu einem Ende zu führen, verkündete Stadtentwicklungs-Senator Peter Strieder im November, der Lustgarten werde nun auf der Grundlage der Pläne Karl Friedrich Schinkels von 1835 umgestaltet, original mit abgezirkelten Rasenparterres, zentralem Brunnen und gegabeltem Hauptweg - letzterer gab Anlaß zu dem Namen "Hosenträger-Variante.Dazu bestellte Strieder den ewigen Zweiten, den in beiden Wettbewerben zweitplazierten Landschaftsarchitekten Hans Loidl.Der legte im Februar einen neuen Schinkel in Aquarell vor: Die Profession war entsetzt. Loidl selbst macht seinen Entwurf am Bild einer "Möbelsammlung" fest: Altes Museum, Berliner Dom und Palast der Republik stehen wie Stilmöbel aus verschiedenen Zeiten um den Lustgarten herum, ohne Zusammenhang.Den zu schaffen, setzte er sich zum Ziel.Seiner "Guten Stube" wollte er ein Parkett unterschieben, dazu "einen dicht geknüpften, samtigen Teppich".Wer hier wilhelminischen Muff riecht, liegt richtig.Und fragt sich, warum dem durch zahlreiche frischere Entwürfe bekannten Landschaftsarchitekten nicht die Bleistiftspitze beim Verschinkeln Zimmers abgebrochen ist.Warum er sich zur Kammerzofe konservativer Hausherren macht. Der neue Muff im Lustgarten ist nicht allein auf seinem Teppich gewachsen.Lustgarten-Bauherr Gottfriedsen ist Wettbewerbe leid.Er weiß zwar, daß "Schinkel schon Besseres entworfen hat", bleibt aber standfest: "Ich baue das." Gebaut würde nichts, wäre da nicht auch die Allianz-Stiftung "zum Schutz der Umwelt".Sie finanziert mit 3,5 Millionen Mark die halbe Lust.Die andere Hälfte trägt das Land Berlin.Erstaunlich, daß dem Stiftungsvorstand Lutz Spandau, einem Landschaftsarchitekten, der schlechte Schinkel keine Magenschmerzen verursacht: Er fördert streng nach Konsens.Dabei müßte er als Mann vom Fach wissen, daß ein schlechter Schinkel und eine müde Rekonstruktion Schatten auf seine Stiftung wirft. Zu spät, das Problem ist zum Bau geworden.Zwei neue Baumreihen sind gepflanzt, gegen Ende des Jahres kommt das Rasenparterre.Und wohl wissend, daß die erwarteten 30 000 täglichen Besucher diagonal über den Platz laufen (von der Museumsinsel zu den Linden), will Landschaftsarchitekt Loidl alle parallel zum Museum verlaufenden "Teppichkanten" 30 Zentimeter hoch aus Naturstein aufmauern.Der "Teppich" selbst soll einen Buckel bekommen, um das Fußballspielen zu vereiteln.Sonst ist alles erlaubt, nur Würstchen grillen nicht.

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