Kultur : Die Halbschwachen

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Jan SchulzOjala über deutsche Kino-Idole – nach Horst Buchholz

Wahrscheinlich muss man manchmal alles genau gleich machen, um zu erkennen, wie total anders alles geworden ist. Urs Egger hat 1996 Georg Treßlers Fünfzigerjahre-Kino-Legende „Die Halbstarken“ fürs Fernsehen neu verfilmt, und alles war ausgesucht gleich, die Zeit, die Story, sogar die Rollennamen. Doch alles war anders. Die alten „Halbstarken“ lebten, und wie! Und die Neuen waren eine Totgeburt.

Wie kam’s? Sicher war Til Schweiger in der Rolle des Rüpels und Rebells, der in die Fußstapfen des einst eben 22-jährigen Horst Buchholz stieg, punktgenau fehlbesetzt. Vor allem aber gab es Mitte der neunziger Jahre nirgends mehr Halbstarke wie 1956, nirgends ein vergleichbares Gesellschaftsgefühl, aus dem die neuen Zuschauer schöpfen konnten. Nun ist durch den Tod von Horst Buchholz der Begriff des Halbstarken plötzlich wieder da: ein Wort aus dem nachkriegsdeutschen Heimatmuseum, scheinbar ewig jung und doch nur frisch entstaubt.

Nichts davon ist geblieben, nichts davon ist – auch unter den jungen deutschen Schauspielern – wirklich nachgewachsen. Die Halbstarken wollten, mindestens halbkriminell, nur auf ihre Weise an einem Wirtschaftswunder teilhaben, das ihre Altvorderen vorantrieben. Sie mochten ihre jeweiligen Opfer beschimpfen und überfallen, tatsächlich aber rempelten sie die Gesellschaft an. Sie markierten zwar die Starken in Lederjacken und Jeans, eigentlich aber wollten auch sie bloß bei Papa Staat und Mama Heimat am Mittagstisch sitzen.

Die nachher kamen – Gammler, Hippies, Punks –, hatten bald jeden Einordnungsdrang verloren. Immer weniger rieb man sich an einer Elternwirtschaft, der nicht nur das ökonomische Wunder abhanden gekommen war. Alle essen und trinken auch heute für sich allein: in Gesellschaftszellen, die einander betont höflich die kalte Schulter zeigen. Wozu Halbstarke, wenn Kräftemessen nicht mehr lohnt? Wozu Provos, wenn sich niemand mehr provozieren lässt?

Und doch, an einem Ort in der Welt wird das Spiel – zum Schein – weitergespielt: im Kino. Logisch, dass die teilstarken Helden von heute ihr Vorbild allenfalls zitieren. Diese sachte in die Jahre gekommenen Rebellen, die sich im heutigen deutschen Film und Fernsehen tummeln: Sie mögen allesamt etwas vom jungen Horst Buchholz haben, aber nicht eben viel. Und auch fürs Böse suchen sie sich gern ein gutes Alibi.

Til Schweiger und Jan Josef Liefers in „Knockin’ on Heaven’s Door“: Der wohl verblüffendste Buchholz-Wiedergänger und sein Widerpart machten zwar krumme Sachen, aber ihr Rowdytum war durch tödliche Krankheiten geadelt. Oder unlängst Ben Becker und Jürgen Vogel in „Sass“, der Gaunergeschichte aus den Zwanziger Jahren: Da gab es zwar einen Anderthalbstarken und einen Halbschwachen, aber beide trampelten doch arg sorgfältig durch einen allenfalls sorgfältig recycelten Bilderbogen.

Es gibt andere Namen, von Peter Lohmeyer über Detlev Buck bis zu Moritz Bleibtreu: Aber ist das die Kinowelt, wo die wilden Kerle vom Schlage eines Buchholz wohnen? Auch Benno Fürmann erinnert eher an einen jener treuen Begleiter unserer Phantasie, von denen es so schön heißt: Der tut nichts, der will nur spielen. Und bei den ganz Jungen mag es einen Antonio Wannek geben – aber hat dieser Ausreißer aus dem „Felsen“ irgendein gesellschaftsverstörendes Potential, über den Einzel-Sozialfall hinaus?

Der Nimbus des Horst Buchholz ist, so gesehen, schon lange tot. Doch warum sollte nicht, da alles anders ist, bald alles wieder ähnlich sein? Vom Zeitalter der Vollbeschäftigung, das den Protest aufsog, ist die Vollversorgung geblieben. Doch schon verglüht selbst diese Ära – schon möglich, dass auch die Halbstarken bald wieder da sind. Nur dass sie dann ganz anders heißen werden.

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