Kultur : Die Halbstarken

Fotos von Barbara Klemm und Ed van der Elsken in der Galerie Kicken

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Größer könnte der Gegensatz kaum sein als der zwischen den Pelz tragenden Damen in der New Yorker City und der Frau aus der Farbigensiedlung Soweto in Südafrika. Die Reichen führen ihre teuren Mäntel aus, und als ob es noch nicht genug Ironie wäre, prangt über ihnen die Werbung „Winner“ für ein Musical am Broadway. Stolz ignorieren sie die Fotografin. Die Afrikanerin dagegen ist stehen geblieben und mustert die Europäerin skeptisch durch ihre Sonnenbrille.

Auf den zahlreichen Reisen über die Kontinente hat Barbara Klemm – wie diese Auswahl von 20 Arbeiten (Preis je Silberprint 1200 Euro) zeigt – genau auf die Seite der Bedürftigen geschaut. In New York zum Beispiel entging ihr nicht der Obdachlose, der sich unter einer Plastikhülle im Eingang eines Hauses fast versteckt. Aber in Nigeria jubeln 1974 die Menschen auf der Straße. Man erfährt aus der knappen Bildunterschrift nicht den Grund und auch nicht, worüber sich die sechs Rangen 1974 in Rostock vor dem geschlossenen Laden mit der Aufschrift „VEB Fortschritt“ unter der flatternden Staatsfahne gerade köstlich amüsieren. Kinder posieren gern, und im Belfast von 1986 rennen die Schuljungen so vergnügt nach Hause, als hätte es in Nordirland nie blutige Unruhen gegeben.

Der Verzicht auf erklärende Informationen wird vom Betrachter nicht als Mangel empfunden, er unterstützt vielmehr die sinnbildhafte Aussage dieser herausragenden Arbeiten. Da läuft 1970 auf der Friedrichstraße ein mit einem Rucksack bepackter Mann an einer Gedenktafel für Friedrich Engels vorbei. Trägt er an der Last der uneingelösten Vision? Wie jede Kunst lässt auch Barbara Klemms Fotografie stets Raum für die eigene Deutung.

Vorwiegend an seiner Heimatstadt Amsterdam war Ed van der Elsken (1925–1990) interessiert, an dessen bedeutendes Werk eine kleine Auswahl in der Torgalerie Kicken II erinnert. Die zwischen 1948 und 1958 entstandenen sechs Straßenbilder (4500–5500 Euro) zeigen die frischen Posen einer sich neu definierenden Jugend, die gern provoziert, aber vom Aufstand der 68er noch weit entfernt ist. 1956 lockt auch hier Georg Tresslers Film „Die Halbstarken“ alle um die zwanzig ins Kino, und schon gilt Horst Buchholz als nachahmenswertes Idol. Junge Frauen ziehen mit einem hohen Dutt die Blicke auf sich, die man mit kühlem Blick zu übersehen vorgibt. Amsterdam war eine Mischung aus Frechheit und Melancholie. Hans-Jörg Rother

Galerie Kicken Berlin, Linienstraße 155; bis 11. Dezember, Di–Sa 14–18 Uhr.

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