Kultur : Die Hamburger Band Station 17 macht Behinderte zu Pop-Stars

Kai Müller

"Zeit, was willst du? / Wo kommst du her? / Was willst du?" Es sind grundsätzliche Fragen, die Birgit Hohnen bewegen. Sie gehen ihr im Kopf herum wie ein ins Trudeln geratener Kreiselkompass. Im Hintergrund schleicht ein warmer, entspannter Hip-Hop-Beat. Man möchte die Füße hochlegen und sich den Gedankengängen überlassen, die, was selten ist in der Popmusik, Fragen von abstrakter Monumentalität umkreisen - wenn nicht das Drama eines Menschen sichtbar würde, der zwanghaft permanente Selbstgespräche führt. "Das ist Teil ihrer Behinderung", erklärt Kai Boysen. Birgit sei ständig so sehr in sich selbst versunken, "dass sie die einfachsten Dinge nicht mehr erledigen kann. Sie leidet tatsächlich unter einem eminenten Zeitproblem."

Birgit ist Mitglied der Hamburger Band Station 17 und wie 11 weitere Mitglieder geistig behindert. Mit "Bravo" veröffentlichte das seit zehn Jahren aus Behinderten und Nichtbehinderten Musikern bestehende Projekt der evangelischen Stiftung Alsterdorf jüngst seine vierte Platte. Sie ist von dem Elektronik-Guru Thomas Fehlmann produziert worden, was ihr zusätzlich den Nimbus des Außergewöhnlichen verleiht. Denn der in Berlin lebende Schweizer, der mit Palais Schaumburg die Neue Deutsche Welle prägte, Anfang der 90er Jahre die Techno-Allianz zwischen Berlin und Detroit initiierte und schließlich mit The Orb Ambient-Klänge in die House-Musik transportierte, gilt als Meister geschliffener Sounds - und als Trendsetter. Während das vielgelobte Vorgänger-Album "Scheibe" sich noch ironisch mit den klinischen Lebensbedingungen der Heimbewohner auseinandersetzte, erinnert auf "Bravo" nichts mehr an die Entstehungsbedingungen der Band.

Diese Professionalisierung sei vor zehn Jahren keineswegs abzusehen gewesen, erklärt Boysen, der 1988 als Zivildienstleistender in den Pflegeinrichtungen der Alsterdorfer Stiftung die Idee entwickelte, eine Band zu gründen, in der auch Behinderte ihre musikalische Begabung entfalten könnten. "Innerhalb der Stiftung gab es eine Menge moralischer Bedenken, weil man befürchtete, wir würden Behinderung kommerziell ausbeuten." Ein Vorwurf, sagt Boysen, mit dem sie nach wie vor konfrontiert werden, weil es ungewöhnlich ist, dass geistige oder körperliche Schäden so selbstverständlich in einen künstlerischen Produktionsprozess einbezogen werden. Schließlich ließ man die Band zu, weil sich durch das Engagement prominenter Musiker wie Holger Czukay oder F.M. Einheit die Perspektive eröffnete, Geld damit zu verdienen. Die Einnahmen sollten der Beschaffung von Instrumenten dienen und eine dauerhafte Einrichtung entstehen lassen. "Anfänglich haben wir bloß Sachen ausprobieren wollen, die vor uns noch niemand gemacht hatte", erinnert sich Boysen. "Jetzt sind wir zu einem etablierten Projekt geworden, das vor allem den Behinderten erlaubt, sich als Berufsmusiker zu verstehen. Während alle nichtbehinderten Bandmitglieder zusehen müssen, wie sie die zusätzliche Belastung mit ihrem Berufsleben vereinbaren."

Auch musikalisch hat die Band unter dem Einfluss Fehlmanns einen enormen Sprung getan. Aus einem Improvisationskollektiv, dass "à la Can" spontane Äußerungen, Melodiefragmente und rhythmische Rohmaterialien ineinanderfließen ließ, ist ein kompaktes Pop-Produkt geworden. "Nachdem wir über sechs Jahre mit Schlaginstrumenten, Rock-Gitarren und dergleichen experimentiert hatten, gerieten wir musikalisch in eine Krise. Wir begannen deshalb mit vorgefertigtem Material zu arbeiten, mit Loops und Sequenzern, und stellten fest: Die Behinderten stehen drauf." Fehlmann nahm das in Hamburg eingespielte Material in Empfang und setzte es zu fertigen Stücken zusammen. So entstand ein exzellentes Werk, das sich auch die Musiker gerne anhören, wie Boysen bemerkt. "Wenn ich sie frage, was sie erreichen wollen, dann antworten alle : in die Hitparade kommen."Station 17 spielt heute abend um 21 Uhr im Pfefferberg

0 Kommentare

Neuester Kommentar