Kultur : Die Hand des Henkers

Frank Noack

Volksschauspieler sind nicht zu beneiden. Früher oder später tappen sie in die Beliebtheitsfalle und sehen ihre Rollenwahl stark eingeschränkt. Heinz Rühmann etwa hat sich zwar an Beckett und Pinter gewagt, aber er hat nie einen Henker gespielt – schon die Vorstellung wäre grotesk. Der soeben zum 100. Geburtstag gefeierte Erwin Geschonneck dagegen, Volksschauspieler Nr. 1 in der DDR, hat im Film sehr glaubhaft das Henkersbeil geschwungen – als Albert Teetjen in Falk Harnacks Defa-Film Das Beil von Wandsbek (heute und Sonntag im Babylon Mitte). Arnold Zweigs gleichnamige Vorlage gehört zu den besten Exilromanen. Die Geschichte eines einfältigen Metzgers, der aus Geldnot die Todesurteile des Volksgerichtshofs vollstreckt, funktioniert auch außerhalb des politisch-historischen Kontextes als Tragödie einer nicht bestandenen Charakterprobe. Selbst Befürworter der Todesstrafe wollen dem, der sie vollstreckt, nicht die Hand geben und erst recht kein Fleisch von ihm kaufen – umso imponierender Zweig, Geschonneck und Harnack, die 1951 kraft ihrer moralischen Autorität solch einen Stoff durchsetzen konnten. Binnen kurzem wurde der Film zurückgezogen und verstümmelt; Bert Brecht hat dabei eine unrühmliche Rolle gespielt. Nach einer Vorführung in der Akademie der Künste erklärte er, in Sachen Nazi-Henker dürfe „auch durch das seelenvolle Auge eines guten Schauspielers kein Mitleid erweckt werden“.

Wenn arme Leute ihr Gehalt auf anrüchige oder gar illegale Weise aufbessern, kann das auch Stoff für eine Komödie sein. Erich Engels Der Biberpelz basiert auf dem unverwüstlichen Hauptmann-Stück und verschaffte Geschonneck 1949 seinen Einstand bei der Defa (Freitag im Zeughauskino). Da waren die Grenzen noch offen, und die Hauptrollen gingen an West-Schauspieler: Fita Benkhoff wurde als clevere Mutter Wolffen verpflichtet, Werner Hinz als Amtsvorsteher Wehrhahn.

Von einer armen Mutter ohne jeglichen Mutterwitz, einer Frau, die nur als Opferlamm zu gebrauchen ist, handelt Wsewolod Pudowkins Gorki-Adaption Die Mutter (Mittwoch im Arsenal). Während ihr Sohn die Revolution plant, putzt und kocht sie sich zu Tode. Dieser Klassiker des sowjetischen Stummfilms war im westlichen Ausland besonders erfolgreich, weil trotz des politischen Gehalts eine individuelle menschliche Tragödie im Mittelpunkt stand. Die überragende Hauptdarstellerin Wera Baranowskaja selber scheint nicht an die Revolution geglaubt zu haben – sie setzte sich in den Westen, nach Frankreich, ab.

In Hollywood war die Armut als Hauptthema eines Films nicht durchzusetzen. King Vidors The Crowd (1928) nimmt zwar die Probleme eines kleinen Angestellten ernst, der sich im eindrucksvoll visualisierten, übervölkerten New York hilflos und unwichtig vorkommt, aber er endet versöhnlich (heute im Arsenal). Doch als wollte er das aufgesetzte Happy End sabotieren, verfiel Hauptdarsteller James Murray dem Alkohol. 1936 fischte man ihn aus dem Hudson River.

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