Kultur : Die Handschrift der Meister

Goethe und Schiller in Weimar: Deutschlands ältestes Literaturarchiv ist endlich renoviert.

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Analoge Schätze. Goethes „Faust II“, 5. Akt, „Mitternacht“-Szene. Foto: Klassik Stift. Weimar
Analoge Schätze. Goethes „Faust II“, 5. Akt, „Mitternacht“-Szene. Foto: Klassik Stift. Weimar

„Füllest wieder’s liebe Thal/Still mit Nebelglanz“, hebt Goethes Gedicht „An den Mond“ von 1777 an. Ein Faksimile der Reinschrift, ergänzt um das einer Schiller-Handschrift, verteilte die „Freundesgesellschaft des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar e.V.“ zur Wiedereröffnung eben dieses Archivs am Donnerstag. Dass der Mond jemals noch das liebe Tal der Ilm füllt, ist im Zeitalter allnächtlicher Dauerbeleuchtung kaum noch zu hoffen. Aber ein klein wenig Nebelglanz schien vor dem mächtigen Archivgebäude zu schweben, jedenfalls beim Blick nach oben von den Ufern des Flusses.

An Wucht und auch an Entrückung hat das Gebäude aus dieser demütigen Perspektive nichts verloren. Was die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach da mit ihrem eigenen Geld erbauen ließ und 1896 eröffnen konnte, hat den Archivbetrieb nachhaltig geprägt. Das Goethe’sche Familienarchiv, das der letzte Nachfahre Walter Wolfgang von Goethe testamentarisch der Großherzogin als Privatperson vermachte, musste 1885 zunächst in Kisten im Schloss gelagert werden, ehe elf Jahre später der Umzug ins Haus oben auf dem Steilufer der Ilm erfolgen konnte und die Erschließung des Bestandes begann. Das muss man sich vor Augen halten, um den Quantensprung aus der familiären Versperrung hinein in die fachkundige Öffentlichkeit so recht ermessen zu können.

1889 folgten Friedrich Schillers Erben dem Beispiel des Goethe-Enkels und stifteten den Nachlass des Dichters. Seit diesem Zeitpunkt trägt die Einrichtung den Namen Goethe- und Schiller-Archiv. Und seit 1896 kann mit Fug und Recht von Archivierung und Erschließung gesprochen werden.

Einen Quantensprung hat nun auch die innere Organisation des Archivgebäudes genommen. Von außen allenfalls an dem metallenen Gitter erkennbar, das nun den oberen Teil der steinernen Stützmauer ersetzt, sind zahlreiche neue Räume eingerichtet worden. Aber nicht nur im weiträumig ausgebauten Sockel unter der Terrasse, sondern auch unterm Dach und mittendrin, aber so, dass man es in den wunderschön hergerichteten Leseräumen und dem zentralen Ausstellungssaal weder sieht noch spürt. Der Mittelsaal mit seinen Vitrinen und dem zurückhaltenden Dekor ist geblieben, wie er immer war. Er wurde lediglich aufgefrischt, und in dieser Zurückhaltung liegt die Kunst des Bernd Gildehaus. „Der Bau“, sagt der Weimarer Architekt, „ist eine historische Kommode mit Schubladen, und eine weitere Schublade im Sockel wird hinzugefügt und ein wenig aufgezogen.“

600 Quadratmeter Hauptnutzfläche sind hinzugekommen, das Ganze hat 9,2 Millionen Euro gekostet und nochmals 1,3 Millionen für die edle Ausstattung. Wer möchte da nicht in Handschriften blättern! Indes, es ist nicht alles eitel Sonnenschein hoch über der Ilm, und der Platzregen, der am Eröffnungstag vom Himmel rauschte und den für die Terrasse vorgesehenen Festakt ins Foyer zwang, fand seine Fortsetzung in dem Donnerwetter, mit dem Professor Norbert Oellers die Festgemeinschaft verschreckte.

Der Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe nutzte die Gelegenheit, um gegen die Digitalisierung zu wetten und den „Umgang mit den leibhaftigen, materiell fasslichen Quellen“ zu preisen. Soll jedermann das sinnliche Erlebnis genießen dürfen, die Manuskripte der Klassiker zu betasten? Oellers malte den „Kollaps der Schriftkultur“ an die Wand, respektive die strahlend weißen Wände des Hauses, die hin und wieder Zitate der Klassiker in dezentem Grau tragen.

Eine gewisse Ratlosigkeit folgte der Oellers’chen Philippika, zumal Archivdirektor Bernhard Fischer zuvor ausgerechnet die Digitalisierung der Bestände als Aufgabe der nahen Zukunft bezeichnet hatte. Zugleich betonte er, es sei dies „der Ort, der Handschriften ausstellt“, und beschwor wie Oellers die „Aktualität der Klassik“. Gepaart allerdings mit der des Bruchs: „Buchenwald ist nebenan.“

Das Goethe- und Schiller-Archiv ist unter dem weit gespannten Dach der Klassik Stiftung Weimar angesiedelt; deren Weg in die Zukunft ist nicht immer einfach. Der Wissenschaftsrat, der mit der Evaluierung der Stiftung betraut ist, hatte vor Jahren die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit in heftige Zweifel gezogen. Wenige Tage vor der Archiveinweihung ist nun ein neues Gesamtkonzept verabschieddet worden – unter dem Motto „Kosmos Weimar“, das Stiftungs-Präsident Hellmut Seemann schon zuvor geprägt hatte.

Bemerkenswert darin ist die Betonung Weimars als „Memorialort bedeutender Männer und Frauen“, an dem „Leben und Werk der Protagonisten vergegenwärtigt werden“ sollen. Das war noch stets der Fall, auch und gerade zu DDR-Zeiten. Weimar ist geblieben, was es bereits Mitte der zwanziger Jahren wurde, „ein verleugneter Ort der Moderne“. Gerade das beklagt nun das Positionspapier: „Die ,Vertreibung’ des Staatlichen Bauhauses entschied 1925 diesen Kulturkampf zugunsten einer Definition Weimars als kulturellem Memorialort der Deutschen.“ Was also gilt?

Da ist noch Spielraum für Interpretation. Zumindest finanziell ist mittlerweile dafür gesorgt, dass der Anschluss an die Moderne in ihrer historisch gewordenen Form wiederhergestellt werden kann: Das geplante Bauhaus-Museum ist mit 38 Millionen Euro gesichert. Sie speisen sich aus dem von Kulturstaatsminister Bernd Neumann quasi im Handstreich aufgelegten Förderprogramm von insgeamt 90 Millionen Euro, das das Land Thüringen etwas zähneknirschend mit seinerseits 45 Millionen Euro auffüllen musste.

Mehr als einmal wurde an diesem Festtag für den Weimarer Kosmos an den Brand der zauberhaften Anna-Amalia-Bibliothek im Herbst 2004 erinnert. Die durch Vernachlässigung herbeigeführte Katastrophe hat die Kulturnation damals aufgerüttelt. Mit der Erneuerung des Goethe- und Schiller-Archivs ist jetzt das Mögliche getan, den materiellen Bestand der deutschen Klassik zu bewahren.

Vielleicht rafft sich der Mond nun ja gelegentlich dazu auf, wozu Goethe ihn dichterisch aufforderte: „Breitest über mein Gefild/Lindernd deinen Blick.“

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