Kultur : Die Haut abgezogen

SUSANNE GRIESHABER

Camill Leberer stellt in der KunstMitte Berlin ausVON SUSANNE GRIESHABERStahl und Glas sind die Werkstoffe in der Architektur des 20.Jahrhunderts.Bei ihrem Zusammenspiel gehen Schwere und Leichtigkeit einen oft spannungsvollen Dialog ein.Bildende Künstler bedienen sich dieser Materialien mit Vorliebe dann, wenn sie geometrisch-formale statt figurative Idiome suchen und architektonische Anschauungsweisen geltend machen wollen.Der in Stuttgart lebende und arbeitende Künstler Camill Leberer nutzt diese Werkstoffe seit Jahren, um seinen hochfliegenden Gedanken visuellen Ausdruck zu verschaffen.Die KunstMitte Berlin zeigt, diesmal unter der Regie des Galeristen Heinz Holtmann, erstmals in Berlin die Skulpturen, Wandbilder und Collagen des 1953 Geborenen.Die kastenartige Skulptur "Zwilling" (40 000 DM) aus Stahl und Glas steht mitten im ersten Raum.Streng geometrisch ist das Stahlgerüst gebaut, die Metallflächen weisen Schleifspuren auf, ihnen wurde, wie Lebere es ausdrückt, "die Haut abgezogen".In dem Gestänge eingepaßt liegen, scheinbar schwerelos, Glasplatten, die zum Teil mit transparenten Farbbahnen in gelb und schwarz überzogen sind.Überall verteilte Spiegelstücke ergänzen die Installation.Die Arbeit wirkt wie eine Vitrine, die etwas wertvolles birgt - etwas, das vor dem unmittelbaren Zugriff des Betrachters geschützt werden soll.Und doch ist sie leer.Ist, wie alle Skulpturen Camill Leberers, in erster Linie Anschauungsobjekt: ein hermetisch geschlossener Körper, der einen Innen- und Außenraum definiert.Fällt Licht durch die bemalten Stellen des Glases, so zeichnen sich gelbe und graue Schatten auf den weißen Galeriewänden ab.Wer hierin nur ein künstlerisches Spiel aus Material und Farbe sieht, das Parallelen zum Konstruktivismus erkennen läßt, greift zu kurz.Dem Künstler geht es - natürlich - um mehr, nämlich darum, "eine metaphysische Struktur der Natur zu begreifen und zu visualisieren".Gleichzeitig sind Eingrenzung und Ausgrenzung, Grenzziehung und Grenzauflösung die zentrale Kategorien in den großen Raumarbeiten Leberers, der sich intensiv mit antiker Philosophie beschäftigt.Vor diesem Hintergrund wird dem Betrachter einiges abverlangt.Von der spätantiken Gnosis bis zu Plotins Spiegeltheorie reichen die Interpretationsansätze.Jessika Mueller beschreibt Leberers Vitrinenskulpturen als Metaphern für den Menschen, dessen Selbst- und Außenwahrnehmung immer wieder an Grenzen stößt.Einfacher nachzuvollziehen sind die Bezüge zur Architektur.Farbe und Licht verunklären die Raumgrenzen der Skulptur, sie stehen seit jeher für Transzendenz und Spiritualität.Es läßt sich leicht einen Bogen schlagen zum Prinzip der Diaphanie gotischer Kathedralen, bei denen die Wand mittels architektonischer Elemente so weit aufgelöst wurde, daß die Grenzen des Raumes nur noch zu ahnen sind.á Galerie Heinz Holtmann, KunstMitte Berlin, Auguststraße 19, bis 18.Mai; Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 12-16 Uhr.

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