Kultur : Die Heilige im Küchenstudio

KATRIN BETTINA MÜLLER

Plastikblumen mit 3 D-Effekt gemalt.Wie echt.Wie echt Plastik.Nichts ist so absurd, daß es sich nicht noch etwas weiter treiben ließe.Der Hyperrealismus, mit dem sich Gabriele Basch dem Malen künstlicher Blumen hingibt, ist ambivalent: Versteht man die Bilder als Kritik an künstlich erzeugten Welten, dann verhalten sie sich kaum subtiler als TV-Stars, die ihre Dummheit auf der Kinoleinwand wiederholen und das für Dekonstruktion ausgeben.Sieht man sie dagegen als Malerei, die auf ihrer Autonomie beharrt, offenbaren sie visuelle Besessenheit.

Im Studio I des Künstlerhauses Bethanien blühen Baschs Blumen über eine Wandnische hinweg.Von dort hat man zugleich die Bilder des spanischen Malers Simeon Saiz Ruiz im Blick, der nicht weniger heftig mit Farben um sich schleudert.Er entwickelt seine Bilder in langen bunten Stäbchenketten, die mehr noch als an Bildschirm-Pixel an gestickte Bilder erinnern.Die Motive stammen aus Fernsehberichten über Sarajevo aus dem Jahre 1995, aufgeblasen auf das Breitwandformat von 185 mal 300 Zentimetern.Jeder der Strichzentimeter vermißt den Abstand zwischen der Herkunft der Bilder und ihrer Ankunft im eigenen Heim.Wie soll man sie aushalten, was muß man ihnen glauben? Es wächst der Widerstand, auf Bilder wie auf die Wirklichkeit selbst zu reagieren.

"Madrid-Berlin: Sichtverhältnisse" heißt diese Ausstellung, die zwölf Maler aus beiden Städten zusammenbringt.Sie gehören der Generation der Dreißig- bis Vierzigjährigen an.Die Auseinandersetzung mit medialer Massenkultur und ihrem Einfluß ist zu einer unablässigen Voraussetzung ihrer Malerei geworden.Die drei Kuratoren Barbara Eisenmann (Hörfunkautorin), Frank Meilchen (Architekt) und Christoph Strieder (Journalist in Madrid) verbindet das Interesse an Medienkritik und malerischer Tradition.Ihr Ausstellungkonzept wendet sich polemisch gegen die Prophezeiung vom Ende der Malerei oder ihrer Reduktion auf einen postmodernen Mix.Sie fragen: Was passiert beim Aufeinanderprall zweier Zeiten und Technologien im Bild, was erfahren wir dabei über unsere Möglichkeiten des Begreifens? Mit dieser Vorgabe bürden sie den Bildern allerdings die Last einer Beweisführung auf.Malerei muß sich über Haltung legitimieren.

Nichtsdestotrotz lohnen die Bilder eine Betrachtung.Mit bösem Humor macht sich Rosalia Banet über den Tugendkanon der Heiligen her und erzählt in drei Bildausschnitten aus dem Kochstudio über den Zusammenhang von Kochen, Opfern und Schlachten.Ihre Judith beträufelt gerade den Kopf des Holofernes mit Sauce, bevor er ins Backrohr geschoben wird.Damit bringt sie zwei Ebenen der sozialen Konditionierung zusammen: Religion und Werbung.Schon vor der Erfindung des Fernsehens wußten die Mächtigen um eine wirksame Bildrhetorik, die sich in Phantasie und Erinnerung ablagert.Deren Tradition und normative Funktion ist in den Bildern der spanischen Maler präsenter als bei den Künstlern aus Berlin.

Die gewinnen dafür der Beschäftigung mit Fotografie und Film neue malerische Qualitäten ab.Die kleinen Bilder von Eberhard Havekost erzeugen einen narrativen Kontext: Die Naheinstellung vom Mann am Zielfernrohr weckt eine Atmosphäre der Spannung, die bedrohlich drei Bilder weiter ausstrahlt.Mit weichen Verwischungen nimmt Havekost die Bewegung des Filmbildes in die Malerei hinein.Mit Hilfe dieses Mediums gelingt es auch der Malerei, der Zeit habhaft zu werden.Die Ausstellung aus Anlaß der zehnjährigen Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Madrid neigt in der Reihung visueller Obsessionen allerdings zu Übersteigerung.Am Ende ist man ähnlich überfüttert wie nach einem Abend, an dem man auf der Fernbedienung die "Aus"-Taste nicht mehr gefunden hat.

Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 2.Mai; Mittwoch bis Sonntag 14-19 Uhr.

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