Kultur : Die heilige Käthe

CHRISTOPH FUNKE

Brechtgeflecht im Berliner Deutschen TheaterVON CHRISTOPH FUNKESchon vor fünfzig Jahren gab es eine Feier für Brecht im Deutschen Theater.Ernst Busch, Werner Hinz, Paul Bildt und Gerda Müller gestalteten am 10.Februar 1948 eine Soiree zum 50.Geburtstag des noch nicht heimgekehrten Dramatikers, den Festvortrag hielt Herbert Ihering.Wolfgang Langhoff, seit 1946 Intendant des Hauses, war es dann, der Kontakt mit Brecht aufnahm, seine Rückkehr betrieb und ihm Gastrecht im Deutschen Theater anbot.Im Januar 1948 hatte Langhoff Szenen aus "Furcht und Elend des Dritten Reiches" inszeniert - das war die erste Brecht-Aufführung nach dem Krieg in Berlin.Als Brecht und Helene Weigel dann im Oktober 1948 in die zerstörte Stadt kamen, nahmen sie Langhoffs Angebot an."Mutter Courage und ihre Kinder", von Brecht und Engel inszeniert, mit Helene Weigel in der Titelrolle, begründete am 11.Januar 1949 ein neues Kapitel deutscher Theatergeschichte.Nach dieser Aufführung mit den Schauspielern des Deutschen Theaters wurde das "Berliner Ensemble" gegründet, es behielt, da ohne eigene Bühne, bis Ende 1953 Gastrecht an der Schumannstraße. Wie sich die Zusammenarbeit der beiden Theater in dieser Zeit gestaltete, belegt eine Ausstellung, die am Sonntag im Foyer der Kammerspiele eröffnet worden ist.Brecht brachte bis Ende 1953 am Deutschen Theater in rascher Folge Aufführungen heraus, die seine völlig neue Theaterarbeit begründeten - "Puntila" mit Steckel und Geschonneck, "Wassa Schelesnowa" mit Therese Giehse, "Die Mutter" mit Helene Weigel, "Katzgraben" von Erwin Strittmatter und viele andere.Reibungen mit dem ganz anderen Theaterverständnis Wolfgang Langhoffs konnten da nicht ausbleiben.1953 verweigert der DT-Intendant die Aufführungen des von Egon Monk inszenierten "Urfaust" (mit Käthe Reichel als Gretchen) im Abendspielplan, 1954 beklagt Brecht in einem Brief an Langhoff die "Abwerbung" Erwin Geschonnecks und bezeichnet das als "betrügenden Bruch" getroffener Vereinbarungen.Die Ausstellung ermöglicht Entdeckungen, sie zeigt Fotos, Briefe, Bühnenbildentwürfe, Kritiken und stützt sich auf eine untadelige Dokumentation."Courage"-Modelle aus Zürich (1941) und Berlin (1949) sind zu sehen, Helene Weigels Anna-Fierling-Kostüm hängt in einer Vitrine.Auch der Mitgliedsausweis Brechts für das Deutsche Theater, der ihn als "Angestellten des Magistrats der Stadt Berlin" ausweist, ist zu sehen.In einem Vor- und einem Nachspann verweist die Ausstellung schließlich auf Brecht-Aufführungen der zwanziger Jahre im Deutschen Theater und auf die wenigen "eigenen" Brecht-Inszenierungen des DT-Ensembles von 1948 bis 1998. Käthe Reichel hat für die Ausstellung Briefe, Postkarten, Textbücher zur Verfügung gestellt, die ihr von Brecht geschrieben und gewidmet worden sind.Als Krönung der Dokumentation gestaltet sie dann im Deutschen Theater Szenen aus der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" - allein am Pult, neunzig Minuten lang, gestützt nur auf ein paar Notizen.Das ist ein Ereignis.Leise und intensiv, dann klingend und schmetternd baut Käthe Reichel die Szenen auf, als ein Geflecht von Stimmen, ein Ineinander von Zorn und Ruhe, Staunen, Klage und leidenschaftlicher Botschaft.Mit einer Kraft, die aus Neigungen des Kopfes, zeigenden Händen, wiegendem Oberkörper ein ganzes Stück baut, unvergeßlich.Stürmischer Beifall.

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