Kultur : Die heilige Kirche

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Nicht-Katholiken geht es eigentlich nichts an. Dennoch: Jedem, der hörte, wie die Camerata vocale in der Philharmonie das musikalische Hochamt zelebrierte, konnten Tränen in die Augen steigen: Auf welche gestaltenden Energien, auf welche Überzeugungskraft muss eine Kirche verzichten, die noch immer über die Zulässigkeit der Priesterinnenweihe diskutiert! Unter Etta Hilsberg, dem energiegeladenen weiblichen „Prete rosso“ der Berliner Chorszene, glaubte man dem Chor jedenfalls jedes Wort von Haydns dramatischer Nelson-Messe: Vom „K“ des Kyrie bis zur „sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ nahm das Ensemble durch die Klarheit, Intensität und Überzeugungskraft seines Wortausdrucks für sich ein. Glücklich gewählt war die Solistenriege: Dem erfahren gestaltenden Bass Gotthold Schwarz standen die besonders in der Höhe ausdruckskräftige junge Sopranistin Esther Hilsberg, der tragende warme Alt von Anna Fischer und der etwas leichtere Tenor von Markus Schneider-Francke zur Seite. Mitreißend in seinen kompromisslos frischen Tempi wirkte auch Carl Philipp Emmanuel Bachs noch viel zu unbekanntes Magnificat: spannend selbst dort, wo es alle Ausführenden mit seinen gnadenlos virtuosen Koloraturen und Sprüngen, seiner Durchsichtigkeit und Stilvielfalt an ihre Grenzen brachte. Wünschen konnte man dem Team noch stärkere Zurückhaltung vom musikantischen Radio Symphonie Orchester Pilsen, der Dirigentin einen Hauch mehr Gelassenheit bei ihren bebend energetischen Einsätzen, und Tenor sowie Bass noch stärkeren Zulauf chorerfahrener Männer, die keine Angst vor dirigierenden Frauen haben. Carsten Niemann

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