Kultur : Die heilige Kunst verschwistert sich mit profanem Varieté

SYBILL MAHLKE

"Für Punkt neun Uhr ist ein Feuerwerk im Garten anbefohlen", hat der Haushofmeister im Auftrag seines gnädigen Herrn gesagt, eine nicht gerade schmeichelhafte Bemerkung für die Opern- und Possendarsteller, die bis zu dem Zeitpunkt mit ihrem "Spektakel" zu Ende gelangt sein müssen.Ein Feuerwerk - für die Barockzeit gehört es als würdiger Abschluß zum Gesamtkunstwerk eines Festes.In der Komischen Oper Berlin spielt "Ariadne auf Naxos" in der Entstehungszeit des Werkes, 1916.Wunderkerzen säumen den Weg des Stars Bacchus (Frank van Aken), den die kretische Königstochter als den ersehnten Todesboten empfängt, und im Hintergrund lauert mit Gasmaske und Frontsoldat der Weltkrieg.Der Bacchuszug, wie er im Stadtpalais des reichsten Mannes von Wien die Treppe herabschreitet, mit Griechenbildern à la Revuetheater, transportiert auch die Verwundeten, die Maske des Todes, den blinden Lakai.

Man tanzt also auf dem Vulkan, aber man tanzt in der Aufbruchstimmung einer Epoche, die sich golden nennen soll in ihrer Unterhaltungswelt.So hölzern das Stück anläuft, so mopsfidel entwickelt es sich in der Inszenierung Uwe Eric Laufenbergs, ohne daß die großen Szenen der von Theseus verlassenen Ariadne darüber verraten würden."Es steht hier die Gruppe der Heroen", schreibt der Dichter Hugo von Hofmannsthal an Richard Strauss in einem seiner poetischsten und leidenschaftlichsten Briefe, "gegen die menschliche, nichts als menschliche Gruppe der leichtfertigen Zerbinetta und ihrer Begleiter.Zerbinetta ist in ihrem Element, wenn sie von einem zum andern taumelt, Ariadne konnte nur eines Mannes Gattin oder Geliebte, sie kann nur eines Mannes Verlassene oder Hinterbliebene sein.Eines freilich bleibt übrig, auch für sie: das Wunder, der Gott.Sie gibt sich ihm, denn sie nimmt ihn für den Tod."

Verfügt der Mäzen, der die Künstler bestellt und bezahlt hat, im "Vorspiel", daß die seriöse Oper "Ariadne auf Naxos" mit einer niederen Posse um die ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber gemixt werden soll, so kann der Komponist des Trauerspiels, ein junger Mozart im 20.Jahrhundert, darin nur die pure "menschliche Gemeinheit" sehen.Auf wunderbare Weise aber gibt die Realisierung der Willkür recht, indem sie den Banausen zum Experimentator macht.Und der Regisseur stellt die Brücke zwischen U- und E-Kultur auf die amüsanteste Weise her.

Das freilich will eingefädelt sein.Man darf gar nicht daran denken, wie der Schauspieler Peter Mati¿c in der legendären Salzburger Inszenierung unter Dieter Dorn und Karl Böhm das Wort "Feuerwerk" in süffisanter Schadenfreude auf der Zunge zergehen ließ, wenn hier der Haushofmeister mit der Stentorstimme eines Kammersängers spricht.Überhaupt wird dynamisch zu sehr aufgedreht im Vorspiel, weil auch der Dirigent Shao-Chia Lü - vielleicht aus Schüchternheit oder verkappter Sensibilität - den Konversationston nicht verteidigt.Er und das Orchester haben in der "Oper" selbst, wo bildhafter Wortklang, das Vorantreiben der Harmonien, chromatische Rückungen, kostbare Akkordfarben sprechen, auch ihre schönen Momente: "Bei dir wird Ariadne sein."

Die Villa des reichsten Mannes in Wien und die Kostüme (Ausstattung: Christoph Schubiger, Jessica Karge) vermitteln eine Atmosphäre von Gustav Klimt und Max Ernst.Ihr musikalischer Stern ist im ersten Teil Christiane Oertel als Komponist von jugendlich insistierendem Ernst und aufblühendem Singen über das Wesen der Musik, die heilige Kunst sei.

Der Strand der Insel Naxos, zu dem sich die hohen Fenster des Raumes öffnen, während die Musik das erloschene "Licht", in dem Ariadne sich noch mit Theseus sieht, zitierend ausmalt, eröffnet den Blick auf Sommergäste.Denen fehlt es an nichts, von eleganten Schwimmanzügen im Stil der Zeit, die Herren gestreift nach Art des guten alten Familienbades, bis zu Wasserbällen und Gummiflossen.Daß derartige Urlaubsträume auf der Bühne nicht neu sind (siehe Peter Zadeks "Othello" oder John Dews "Hugenotten"), sagt nichts gegen den Witz der hiesigen Auslegung.Dabei sehen die Nymphen Christine Buffle und Caren van Oyen, von feinem Echo (Mojca Erdmann) begleitet, als Badenixen noch adretter aus, als sie klingen.

Ariadne, singend "Ein Schönes war", eine Melodie, in der die reine Gegenwärtigkeit des "Schönen" durch den jähen Septimensprung "war" in die Vergangenheit gerissen wird, hegt in ihrer Souvenir-Truhe das Theseus-Material, sein Bildnis, Briefe.Auch die kniende Annäherung Harlekins an die traurige Prinzessin - "Ariadne wartet" - hat Laufenberg zart in Szene gesetzt.Carole FitzPatrick bringt viel Verständnis und Stimmkultur in die heikle Partie, die eine Elisabeth Schwarzkopf einst zwar himmlisch für die Schallplatte, aber niemals auf der Bühne gesungen hat.

Die Herren Komödianten (Alexander Marco-Buhrmester, Daniel Kirch, Bernd Grabowski und Clemens C.Löschmann) kommen wie die Comedian Harmonists daher, bevor sie zum Striptease schreiten.Eine tadellos überkandidelte Herrenriege erhebt sich von den Badetüchern am Boden, um die girrende Zerbinetta zu umschwirren, eine musikalisch kongruent gemachte Revuenummer zu der großen Arie mit ihrem Allegro scherzando und ihrem Abmarsch "Als ein Gott kam jeder gegangen".Bei Martina Rüping gewinnen Koloratur und Triller und weibliches Werben etwas so Naturhaftes, als sublimierte sich das Gurren einer Taube in Kunst und Spaß.

Um der Einheit des Werkes und der Aufführung willen, die den Mythos aus der Hofmannsthal-Strauss-Zeit verstehen will, verzichtet Uwe Eric Laufenberg auf die übliche Pause zwischen Vorspiel und Oper.Der Abend hat ein paar Ecken und Kanten, den schweren Beginn, Anekdotisches oder Stühlerücken ohne ersichtlichen Grund und den Weltkrieg als Zugabe, ein Allerseelentag zur Beschwichtigung.Dennoch: es lebe die köstliche Unterhaltung, das frivole Varieté in der ernsten Oper!

Weitere Vorstellungen, mit teilweise wechselnder Besetzung, am 14.und 25.Januar sowie 21.und 24.Februar.

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