Kultur : Die Heiligenstatue der 68er-Bewegung

chs

Ein feuriger Blick unter der pechschwarzen Mähne, aufgesockelt auf einem Rednerpult, eingekeilt zwischen den Mikrofonen der bürgerlichen Bewusstseinsindustrie.chs

Es war eine Heilslehre, die der SDS-Führer verkündete - per Revolution das Paradies schon auf Erden zu erkämpfen -, und deshalb waren die Worte, die aus seinem Munde kamen, Manna für die vom Glauben an den Sozialismus beseelte Gemeinde. Der Sinn seiner Sätze mochte wirr erscheinen: "Kann unter dem gegenwärtigen Stand der systematischen, funktionalen und physischen Kapitalvernichtung überhaupt noch eine Reaktivierung der Arbeiterklasse als Klasse geschehen, oder stehen wir nicht vielmehr in einem Prozess der geschichtlichen Entwicklung, in dem nicht mehr die proletarische Revolution auf der Tagesordnung steht, sondern die menschliche Revolution?" Wichtiger war der Sound seines Stakkatos, mit dem Dutschke jeden Saal - und sei es die "Neue Welt" in Neukölln mit ihrem Bayernzelt-Ambiente - in eine Art linksradikales Gotteshaus zu verwandeln vermochte. Vom "heiligen Ernst der Revolution" hat der Fotograf Michael Ruetz gesprochen, dessen Bildband "1968 - Ein Zeitalter wird besichtigt" 1997 bei Zweitausendeins erschienen ist. Heute und morgen werden sich auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung die Veteranen der Bewegung treffen, um 20 Jahre nach Dutschkes Tod sein Vermächtnis zu diskutieren.Rudi Dutschke-Konferenz im Haus der Kulturen der Welt, Fr ab 19, Sa ab 10 Uhr, Eintritt frei

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