Kultur : Die Heimat in uns

Von Friedrich Christian Flick

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Ich habe mich oft gefragt, warum Heinz Berggruen zurückgekehrt sein mag nach Berlin, in die Stadt, in der die Mörder wohnten. Sein Elternhaus Konstanzerstraße 54 in Wilmersdorf steht nicht mehr. Über Berlin, das „judenfrei“ wie alle Städte werden sollte, sind Gewaltherrschaft und Krieg hinweggegangen, und heute ist fast nichts mehr wie es war, damals, als Heinz Berggruen jung war, und fröhlich und zum ersten Mal verliebt – damals, als er gehen musste, weil er nicht sterben wollte. Nach einem Menschenleben ist er wieder gekommen in dieses andere Berlin, das vernarbt ist wie nach einer schweren Operation, immer noch auf dem Weg zur Besserung wie das ganze Land. Warum?

Bevor ich ihn persönlich fragen konnte, fand ich die Antwort in seinem wunderbaren Buch „Hauptweg und Nebenwege“. Sie besteht aus zwei Sätzen: „Der Mensch kann aus seiner Heimat vertrieben werden, die Heimat aber nicht aus dem Menschen“. Ja, das ist es wohl. Heimat – das sind Sprache, Töne, Gerüche, Bilder von Häusern, Gärten, Straßen und Menschen in uns tief drinnen. Heimat ist Gefühl. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum ich bei späteren Begegnungen mit Berggruen niemals auf dieses Thema zu sprechen kam. Ich hatte Hemmungen, an innere Dinge des Vertriebenen zu rühren, die er mir, Enkel eines Großvaters, der sich einst mit den Vertreibern gemein gemacht hatte, möglicherweise nicht eröffnen will. Alles braucht seine Zeit.

Wir kamen uns näher. Ich bin Heinz Berggruen unendlich dankbar, dass er den Plan, meine Sammlung zeitgenössischer Kunst nach Berlin zu holen, von Anfang an vorbehaltlos begrüßte. Wäre er dagegen gewesen, wäre Berlin, wäre Deutschland für meine Sammlung vielleicht verschlossen geblieben. Es ist aber nun einmal so: Deutschland birgt die Heimat Berggruens genauso wie meine. Vielleicht wage ich es bald, mit ihm über alles zu reden. Das wünsche ich uns zu Berggruens 90. Geburtstag.

Der Autor lebt als Kunstsammler in Zürich.

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