Kultur : Die heiße See

Das Berliner Filmkunst 66 präsentiert Perlen des internationalen Autorenkinos

Jan Schulz-Ojala

„Sexist pigs“ nennt die um keine Deutlichkeit verlegene Internet Movie Data Base (www.imdb.com) die beiden Hauptdarsteller von NeilLaButes „In the Company of Men“ – und tatsächlich: Die ebenso kantige wie konturlose amerikanische Männerfratze Chad (Aaron Eckhard) und das lüstern-schüchterne Brillenmondgesicht Howard (Matt Malloy) sind frauenverachtende Schweinekerle. Aus Beziehungsfrust bzw. Abwechslungslust beschließen die beiden hemdsärmeligen Krawatten-Yuppies, eine liebesbedürftige Kollegin zu verführen, nur um sie nach ein paar Wochen grinsend wieder fallen zu lassen. Alles nur ein Spiel, Süße! Nur geht die Sache schief. Die schöne, taube Stenotypistin Christine (Stacy Edwards) mag zwar die Intrige nicht durchschauen, das männlich-säuische Kumpelvergnügen aber bringt sie anderweitig heftig und irreversibel durcheinander.

Böse, böse. Reden wir lieber von einem ganz und gar ungemeinen Werk, das auch in seinen realistischen Passagen geradezu traumbildtrunken daherkommt. In ihrem Abschlussfilm „Folge der Feder“ erzählt die Berliner dffb-Studentin Nuray Sahin vom erst abrupten, dann behutsamen Eintauchen der Türkin Helin (Pegah Ferydoni) in die deutsche Großstadtwelt. Im schwarzen Schleier landet sie, frisch aus Anatolien, in Berlin, gekaufte Braut eines Jung-Geschäftsmanns, und nimmt vor der Hochzeit Reißaus. Zwischen der Mutter, die mit einem Deutschen eine Pizzeria in Köpenick betreibt, und ihrer lesbischen Schwester, die am Kottbusser Tor mit einer blonden Schönen zusammenlebt, lernt Helin, sich schmerzhaft zurechtzufinden – zwischen Heimat und Fremde, Tradition und Freiheit, Traum und Leben.

Was haben der brillierende, bühnendialoggeschliffene Film des Theaterautors Neil LaBute und Nuray Sahins seelenvoller, in Erzählstruktur und Dialogen oft ungelenke Erstling gemeinsam? Gut, sie sind – sehenswerte – Debüts. Wichtiger aber: Sie liefen nie im deutschen Kino. „In the Company of Men“ (1996) kam während der Kinowelt-Pleite unter die Räder, und Sahins Fernsehspiel hat sich, trotz Publikumspreis auf dem Filmfestival Mannheim-Heidelberg, im Januar im ZDF versendet. Doch nun gelingt ihnen ein kleiner, feiner Kinostart – auf Franz Stadlers sommerlichem „Independent Filmfestival“ im Berliner Filmkunst 66.

Drei Wochen lang präsentiert er dort 50 Lang- und 30 Kurzfilme. Unter den langen Spielfilmen waren 20 nie im Kino, 15 Previews lenken den Blick auf das Independent-Angebot dieses Herbstes, und weitere 15 versammeln – von Wong Kar-Weis „2046“ bis Baltasar Kormakúrs „Die kalte See“, von Andrej Swjanginzews „Die Rückkehr“ bis zu Nuri Bilge Ceylans „Uzak“ – teils preisgekrönte Perlen des jüngsten internationalen Autorenkinos, die zwar allesamt ins Kino kamen, aber fast genauso schnell wieder von den Leinwänden verschwunden waren.

Seit einigen Jahren setzt Programmkinomacher Stadler auf diesen sommerlichen Kontrapunkt zum alldonnerstäglich neuen Hollywood-Einerlei. Im Editorial seines Programmhefts zieht er selber scharf die Summe der aktuellen Kino-Malaise: „Die Traumfabrik ist erstarrt in der aufwendigen Perfektionierung alter Erfolgsrezepte und treibt mit ihrer Visualisierung populärer Comic-Strips die Infantilisierung des Publikums weiter voran. Das wirklich aufregend Neue entwickelt sich in fernen Ländern, von denen man hierzulande nicht mal wusste, dass sie überhaupt eine Kinematografie haben. Ihre Filme siegen auf den großen Festivals der Welt. In unsere Kinos kommen sie aber nur spät oder nie.“

Dem setzt Stadler das schönste Sammelsurium der Welt entgegen: Auf seinem Festival begegnen sich etwa Craig Monahans australischer Verhör-Thriller „Das Interview“ von 1998 (mit einem fantastischen Hugo Weaving in der Hauptrolle) und die betörend schöne, sehr Bollywood-ferne „Geschichte eines ungezogenen Mädchens“ des Inders Buddhadeb Dasgupta. Oder Vorläufer-Werke von aufregenden Regisseuren, die mit anderen Filmen ihren Durchbruch feierten: „Hier spricht Denise“-Regisseur Hal Salwen präsentiert „His & Hers“, und vom „Old Boy“-Bilderwüterich Park Chanwook ist der Kidnapper-Thriller „Sympathy for Mr. Vengeance“ in digitaler Projektion zu sehen (acht Filme präsentiert das Festival ausschließlich digital). Und was spricht gegen einen Blick in Matt Dillons Regie-Debüt „City of Ghosts“ (2002), immerhin mit Natasha McElhone und Gérard Depardieu?

Mit anderen Worten: Ein paar erlesen regenreiche Abende, und dieser Sommer ist perfekt.

Independent Filmfestival, Filmkunst 66, bis 3. August. Infos: www.filmkunst66.de

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