Kultur : Die Helden sind milde

Zum 70. des Jazzpianisten Wolfgang Dauner

Kai Müller

Obwohl er am Zentralgestirn des Jazz sitzt, dem Klavier, das Amerikaner wegen seiner weltenumspannenden Gewaltigkeit gerne auch „Grand Piano“ nennen, gleicht Wolfgang Dauners Rolle eher der eines Trabanten, eines Nebenspielers. Der gebürtige Stuttgarter, der heute siebzig Jahre alt wird, ist eine der großen Konstanten des deutschen Nachkriegsjazz – und der ständige Begleiter Albert Mangelsdorffs, mit dem er mehr als ein Dutzend Platten eingespielt hat. Wann immer sich eine Best-of-Besetzung wie die German Allstars oder das United Jazz & Rock Ensemble formierte, war Dauner als treibende Kraft dabei – und trat doch hinter Leute wie Klaus Doldinger, Eberhard Weber, Kenny Wheeler und Charlie Mariano zurück. 1977 gründete er mit anderen das Mood Label, mit dem sich die Elite des europäischen Jazzszene von den großen Plattenfirmen unabhängig macht.

Als Wolfgang Dauner 1963 sein eigenes Trio aus der Taufe hebt, hat der spät berufene Musiker, der ohne Eltern aufgewachsen ist, bereits eine Schlosserlehre hinter sich. Zunächst knüpft er an die Tradition von Bill Evans an. Doch von dessen Lakonie wendet er sich bald ab. Und es zeigt sich sein anarchisches Temperament. So beschäftigt er sich unter dem Einfluss der Rockmusik mit elektrischen Klängen und vertieft sich in die Philosophie des Geräuschs. Mit seiner Gruppe Et Cetera spielt er 1972 eine Platte namens „Knirsch“ ein. Schon zuvor erregt er Aufsehen mit happening-ähnlichen Konzerten, die er „Free Action für Jazz-Septett“ oder „Vision 68“ nennt – theatralische Manifeste der totalen Entgrenzung.

Trotzdem hat die technische Brillanz, die Leichtigkeit seines Anschlags und die Dichte seiner Linienführung, die sich in seinem Spätwerk durchsetzt, etwas Biederes. Während sich Kollegen wie Joachim Kühn an ihrem Instrument verausgaben und dessen Klang so weit ins Wuchtige treiben, dass sie bald selbst nicht mehr weiter wissen, ist Dauner zum eleganten Ökonomen gereift. Musikalische Sackgassen hat er gemieden. In dem Mann mit Tartarenschnauzer und ergrauter Pferdeschwanzmähne „den letzten authentischen Freak am Klavier“ zu sehen wie die „Süddeutsche Zeitung“, geht allerdings an seinem Charakter vorbei. Zwar sitzt dem Komponisten von Film- und Ballettmusiken immer noch der Schalk im Nacken: Eine Kompilation seines Schaffens trug einmal den Titel „Get up and Dauner“. Doch verspürt er in seiner Altersmilde wenig Lust, seine zu Standards erhobenen Stücke wie „Trans Tanz“ oder „Wendekreis des Steinbocks“ selbst zu demontieren. Und klingen sie nicht in der Tat viel zu schön dafür?

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