Kultur : Die Historisierung der Geschichte

D-Day, Sammlung Flick, Topographie des Terrors, Holocaust: zur Gedenkkultur in Deutschland

Bernhard Schulz

Noch vor zehn Jahren war es nicht möglich, den deutschen Bundeskanzler an den Feiern zum Jahrestag der Alliierten-Landung in der Normandie zu beteiligen. Das europäische Umfeld war nicht danach. Erst jetzt, zum 60. Jahrestag am heutigen Sonntag, versammeln sich die Regierungschefs der damaligen Kriegsgegner wie selbstverständlich zum gemeinsamen Gedenken an die Befreiung Europas von der Wehrmacht.

Die Wehrmacht war es, die den unterjochten Ländern Europas als Besatzungsmacht und Herrschaftsinstrument des NS-Regimes entgegentrat. Die feine Unterscheidung, die man im Nachkriegsdeutschland jahrzehntelang zwischen den (bösen) Nazis und der (im Wesentlichen guten) Wehrmacht treffen wollte, wurde mit der in ihrer Kernaussage unstrittigen Wehrmachtsausstellung hinfällig. Die Verstrickung, ja aktive Teilhabe großer Teile der Wehrmacht am NS-Völkermord prägt seither das Erinnerungsbild des Krieges in Osteuropa. Dies hat die Generation der Kinder und inzwischen auch Enkel der damaligen Soldaten zu Fragen veranlasst, die in den Fünfzigerjahren unter einer Fülle von Rechtfertigungsliteratur begraben worden waren.

Die Wehrmachtsausstellung war vom Hamburger Institut für Sozialforschung organisiert worden. Finanziert wird das Institut von Jan-Philipp Reemtsma, dem 1952 geborenen Sohn und Erben eines der zahlungskräftigsten Förderer von NS-Größen aus Kreisen der Wirtschaft, der allein Hermann Göring mit über zehn Millionen Reichsmark bedachte. Über den alten Reemtsma wird heutzutage nicht mehr gesprochen. Der mäzenatische Erbe hingegen steht für jenen aufgeklärten Umgang mit der NS-Vergangenheit, der das Selbstbild der Bundesrepublik „nach ’68“ unterfüttert.

Anders Friedrich Christian Flick. Auch er ist ein Erbe; Enkel des Wehrwirtschaftsführers Friedrich Flick, dessen Vermögen nicht zuletzt von Zwangsarbeitern zusammengeschuftet worden war. Mick Flick, der Erbe, ist ins Fadenkreuz einer unerbittlichen Kritik geraten. Nicht allein, weil er Gegenwartskunst sammelt und in Berlin öffentlich ausstellen will, statt geschichtskritische Projekte zu finanzieren, sondern auch wegen seines verhängnisvollen Wortes, er wolle „der dunklen Seite seiner Familiengeschichte eine hellere hinzufügen“.

D-Day, Wehrmachtsausstellung und der Streit um Flick sind Bestandteile jener weitverzweigten Geschichts- und Erinnerungskultur, die sich um die Geschichte des NS-Regimes, seiner Verbrechen und Opfer zentriert. Desgleichen die „Topographie des Terrors“, die sich am authentischen Ort der Täter um die Aufhellung des bürokratisch organisierten NS-Völkermordes bemüht. Der geplante Neubau musste dieser Tage wegen unüberwindlicher Schwierigkeiten aufgegeben werden. Der Streit um Flick und das Debakel bei der Topographie beleuchten, dass diese Erinnerungskultur im steten Wandel begriffen ist.

Seit Jahren schon vollzieht sich ein Wechsel der Perspektive. Die Generation der Täter ist nahezu ausgestorben; ihr folgen die Generationen der Soldaten wie der Opfer. Die Vergangenheit, die eben noch von deren Zeitgenossen bezeugt und „erzählt“ werden konnte, gerinnt vollends zur Geschichte. Der Begriff der Historisierung, meist als Vorwurf vermeintlicher Verharmlosung gebraucht, trifft den Sachverhalt, dass künftig alle Beteiligten, ob Forscher oder Trauernde, von den Erlebnissen und Leiden Dritter sprechen.

Die Erinnerung an den Holocaust rückte spätestens in den Achtzigerjahren ins Zentrum der politischen Kultur einer postnationalen Bundesrepublik. Mit dem von Jürgen Habermas popularisierten Begriff des „Verfassungspatriotismus“ ließ sich das nicht länger im Begriff der Nation wurzelnde Selbstverständnis eines Landes charakterisieren, das seine Normen und Werte aus der Erfahrung der NS–Vergangenheit gewonnen hatte – und das auch darum der steten, mahnenden Erinnerung an dieses historische Erbe bedarf. Erst die Generation der Nachgeborenen fand zu jenem bohrend nachforschenden Umgang mit der NS-Vergangenheit, der die deutsche Erinnerungskultur seither kennzeichnet. Im gleißenden Licht dieser moralisch begründeten Aufarbeitung verblasste zugleich die Erinnerung an den Weltkrieg und seine von Millionen Deutschen erlittenen Folgen. Gewissermaßen als historisch gerecht empfundene Sühne dafür, selbst dem Volk der Auslöser und Verursacher der NS-Verbrechen anzugehören.

Der Begriff des Verfassungspatriotismus wurde zum Gemeingut durch den Historikerstreit von 1986/87. Erst im Jahr zuvor hatte das Treffen von Kanzler Kohl und US-Präsident Reagan über den Soldatengräbern von Bitburg stattgefunden, das als Menetekel einer verfehlten Geschichtspolitik empfunden wurde, als Versuch eines „Schlussstrichs“.

Als Ergebnis des Historikerstreits wurde demgegenüber die Singularität und Unvergleichbarkeit des Holocaust gegen alle Versuche der Relativierung etabliert – und zum Eckpfeiler des deutschen Geschichtsbildes befestigt. Habermas formulierte den Satz, Auschwitz habe „die Bedingungen für die Kontinuierung geschichtlicher Lebenszusammenhänge verändert“. Der Konsens darüber, eben dieser „Epochenbruch“ habe die Bewertung der Geschichte für immer verändert, prägt seither die deutsche Erinnerungskultur. Das vom Bundestag 1999 beschlossene Holocaust-Mahnmal in der Mitte der Hauptstadt Berlin fasst diesen Prozess der beinahe ausschließlichen Identitätsbindung der Bundesrepublik an die Erblast der deutschen Geschichte in ein weltweit verstandenes Symbolbild.

Soweit die „alte“ Bundesrepublik. Mit der Epochenwende von 1989/90 wuchs der deutschen Erinnerungskultur die Beschäftigung mit dem Stalinismus zu, dessen Ausformung auf deutschem Boden nur einen Teil seiner überwiegend sowjetischen Geschichte bildet. Mit diesem, geografisch über Mittel- und Osteuropa ausgebreiteten Erbe tun sich die Institutionen der deutschen Geschichtskultur bis heute schwer. Das wütende Unverständnis, auf das die Äußerungen der früheren lettischen Außenministerin Sandra Kalniete über die Erfahrung ihres Landes mit den Untaten von Nazismus und Stalinismus stießen, beleuchtet den in gesamteuropäischer Hinsicht längst vollzogenen Perspektivwechsel. Hierzulande wird die stalinistische Vergangenheit der DDR hingegen meist als Regionalgeschichte abgetan, statt als gesamtdeutsches Erbe angenommen zu werden.

Gewiss kann und darf der Stalinismus nicht zur Relativierung der NS-Verbrechen herhalten. Es war dies der fachwissenschaftliche Kern des „Historikerstreits“. Die Singularität von Auschwitz bestreiten zu wollen, scheitert an der bloßen Evidenz der überwältigend dokumentierten Tatsachen. Die zentrale Rolle indessen, die die NS-Vergangenheit für das Selbstverständnis der Bundesrepublik auch nach der deutschen Wiedervereinigung spielt, wird durch die umfassendere Sicht auf die Ära der deutschen und europäischen Teilung nur noch deutlicher akzentuiert. Denn auch die Blockteilung war eine Folge der Hitlerschen Eroberungspolitik. Ihre Lasten trugen 45 Jahre lang jene Nationen Mittel- und Osteuropas, die vom NS-Regime bestenfalls als Vasallen ausersehen waren.

Dies ist nicht der einzige Perspektivwechsel. Das Buch des Historikers Jörg Friedrich über „Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ warf die Frage nach der moralischen Berechtigung der deutschen Kriegsopfer auf, an ihr erlittenes Leid eben als Leid – und nicht als moralisch gerechtfertigte Sühne – zu erinnern. Gleiches gilt für die 12 bis 15 Millionen deutschen Opfer gewaltsamer Migrationen am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Beide „Erzählungen“ fügen sich mehr und mehr in die deutsche Erinnerungskultur ein. So ist sie heute von zwei gegenläufigen Tendenzen gekennzeichnet. Auf der einen Seite steht die immer weiter institutionalisierte Erforschung der NS-Geschichte, wie sie sich etwa die „Topographie des Terrors“ zur Aufgabe gemacht hat. Man darf in diesem Zusammenhang zu Recht von Historisierung sprechen. Ihr gegenüber steht die Monumentalisierung, ja Mythisierung des Holocaust als des seines historischen Zusammenhangs entledigten, begriffslosen Ur-Ereignisses der neueren Menschheitsgeschichte.

Wir – so der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach – müssten „lernen, mit verschiedenen zum Teil in Spannung zueinander stehenden Erinnerungen umzugehen“. Das Geschichtsbild wird pluralistischer werden. Die Einmütigkeit der späten Achtzigerjahre wird nicht wiederkehren, auch nicht durch identitätsprägende Einrichtungen wie das Holocaust-Mahnmal. Umso wichtiger ist es, den gesellschaftlichen und politischen Konsens, der sich über das deutsche Selbstverständnis „nach Auschwitz“ gebildet hat, in die Zukunft hinein zu bewahren.

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