Kultur : Die Höhle des Bisons

Die Ars Baltica vereinigt Fotografen rund um die Ostsee

Richard Rabensaat

Die beiden sitzen im Schatten eines Strauches am Wasser. Goldenes Sommerlicht überstrahlt die Bucht. Lediglich einen schmalen Streifen belichtete Miklos Gaál mit ausreichender Tiefenschärfe. So sind nur im Zentrum des Bildes die Konturen eindeutig zu erkennen. Beim Blick aufs Detail zerfließen Farben und Formen in pointillistischem Geflirre. Der aus Finnland stammende Fotokünstler bereichert das Medium Fotografie um eine unerwartet poetische Dimension.

Gaál ist einer der 22 Künstler der „3. Ars Baltica Triennale der Fotografie“. Die Ausstellung bietet einen Überblick über die Fotoproduktion der baltischen Anrainerstaaten. Gegenwärtig ist sie auf Schloss Plüschow bei Schwerin zu sehen. Weitere Stationen sind Bergen und Vilnius. In den weitläufigen Räumen des Schlosses finden die Arbeiten ausreichend Platz, um ihre zum Teil beachtlichen Formate zu entfalten. Der Blick des Betrachters verschmilzt unwillkürlich die Fotografien mit den das Anwesen umgebenden Feldern und Landstraßen.

Der Fokus der Ausstellung liegt allerdings nicht in der Landschaftsfotografie. Motto und Ausgangspunkt der Kuratoren war die Frage: „Was ist wichtig?“. Die Antworten fallen ganz verschieden aus. Nicht das laute Geschrei spektakulärer Ereignisse und die Wirren des sich wandelnden Weltgeistes erscheinen den versammelten Fotokünstlern erwähnenswert. Das Augenmerk liegt bei den meisten auf dem eigenen, intimen Erlebnishorizont. So unternahm der Berliner Florian Slotawa eine Fotoreise durch die Hotelzimmer verschiedener Metropolen. Um dem sterilen Interieur der Herbergen zu entkommen, baute er sich jeweils aus Matratzen, Tischplatten und sonstigen Einrichtungsgegenständen eine kleine private Höhle, in der er die Nacht verbrachte. „Am Morgen, bei der Abreise musste alles wieder verschwunden sein“, so die Kuratorin Dorothee Bienert. In Slotawas Arbeiten spiegelt sich exemplarisch der Wandel der Fotografie von einem dokumentarisch dominierten Medium hin zu einem Medium, in dem die Künstler als Autoren mit eigenen Inszenierungen nach einem authentischen Abbild ihrer Eindrücke suchen.

Die inszenierten Bilder bewegen sich in einem Rahmen, der durch Avantgardisten wie Jeff Wall oder Cindy Sherman geschaffen wurde. Die Künstler suchen das Detail im Abbild. Dies ist auch der Ausgangspunkt von Joachim Koester aus Dänemark. Auf Hochglanzfotos zeigt er ein Gewirr bemooster und morscher Bäume. Tatsächlich sind es Bilder des Waldes bei Bialowieza an der Ostpolnischen Grenze. „Das ist der einzige Platz in ganz Europa, an dem sich noch die völlig unberührte Wildnis findet“, erläutert Koester. Die Grenzlage sicherte dem Wald einen Sonderstatus, der hier eine weltweit einzigartige Flora und Fauna gedeihen ließ und zudem über Jahrhunderte das letzte Reservat des europäischen Bisons war.

Der Wald und seine kulturelle Bewirtschaftung ist auch das Thema von Ilkka Halso. Ihn interessiert allerdings nicht dessen naturbelassene Urwüchsigkeit, sondern die Restaurierung der zerstörten Biotope. Er baut fiktive Areale, in denen er vorgibt, ein abgezirkeltes Stück Wald wieder herzustellen. Die dann aufwändig fotografierte Szenerie ruft Assoziationen an eine chirurgische Operation wach. Die großformatig fotografierten Restaurationsarbeiten sind jedoch ein reines Fantasieprodukt.

Mecklenburgisches Künstlerhaus Schloss Plüschow, bis 27. Juli, Di bis Fr 11 bis 17 Uhr

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