Kultur : Die Höhle des Goldenen Löwen

Moritz de Hadeln rettet die Filmfestspiele von Venedig, aber die Zukunft gehört anderen

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Von Jan Schulz-Ojala

Moritz de Hadeln bleibt sich treu. Kaum sind seine ersten Filmfestspiele am Lido insgesamt korrekt zu Ende gegangen, geht er schon wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nach: dem Pokern. Gerade ließ Biennale-Präsident Franco Bernabè verlauten, man werde den im März ursprünglich nur für ein Jahr als Notretter geholten alten Festival-Kämpen vielleicht ein weiteres Jahr verpflichten, da macht der 61-Jährige in der italienischen Presse klar, als „Sesselwarmhalter“ für andere stehe er nicht zur Verfügung. Zwei Jahre mindestens müssten schon her, wenn man ihn die verkrusteten Biennale-Strukturen ordentlich aufmischen lassen wolle.

Ein bisschen erinnert die Situation an die harschen Vertragsverhandlungen 1997, als der damals schon jahrzehntelang amtierende Berlinale-Chef unbedingt um weitere vier Jahre verlängern wollte. Seine Partner mochten den mitunter auch herrisch auftretenden Gegner des Festival-Umzugs zum Potsdamer Platz nicht auf ewig im Amt sehen und bauten ihm eine Trennungsoption in den Vertrag – nach zwei Jahren, beiderseits kündbar, ohne Angabe von Gründen. Als der damals neue Kulturstaatsminister Naumann diese „Sollbruchstelle“ tatsächlich nutzte, betrachtete de Hadeln die Anwendung der auch von ihm unterschriebenen Klausel als „stillosen“ Putsch. Sogar dieser Tage noch setzte er seinen Abschied von Berlin mit jener kalten Verätzungsstrategie gleich, mit der die Berlusconi-Regierung den linksliberalen, in der Branche hoch respektierten Chef der Lido-Festspiele, Alberto Barbera, im Februar aus dem Amt gejagt hatte.

Etwas mehr Pokerface beim Pokern dürfte daher de Hadeln auch in Venedig nicht schaden – zumal mit der Locarno-Festspielchefin und renommierten Filmjournalistin Irene Bignardi eine ernst zu nehmende Aspirantin für den Lido-Sessel vor der Tür steht. Andererseits hat de Hadeln seinen ersten Auftritt in der Höhle des venezianischen Löwen verblüffend souverän gemeistert. So dürfte Jack Valentis Ritterschlag – „De Hadeln ist ein großer Profi“ – bei der italienischen Kulturbürokratie Wunder gewirkt haben; zumal der mächtige Chef der Hollywood-Produzentenvereinigung MPAA nebenbei auch noch den in den Medien ohnehin verzerrt wiedergegebenen Eindruck korrigierte, de Hadeln halte den Großen Preis seines eigenen Festivals für „wertlos“.

Punkte wiederum bei seinen linken Widersachern machte de Hadeln etwa mit dem bedingungslosen Einsatz für den wegen seines „Antiamerikanismus“ angegriffenen Gemeinschaftsfilm von elf Regisseuren zum 11. September. „Haben nicht die Amerikaner selbst die Taliban groß gemacht?“ fragte er zurück. Logisch, dass bei solch offenen Worten nun gleich wieder die rechtsgerichtete italienische Presse schäumte.

Für jeden etwas, für alle zu wenig

Tatsächlich hat sich das Filmfestival unter seiner Leitung zwar weder inhaltlichen noch ästhetischen Vorgaben gebeugt, aber auch keine eigene Linie entwickelt. Ein großer Gemischtwarenladen – für jeden etwas, ganz recht, aber für alle zu wenig. So brachte etwa der Wettbewerb mit „Road to Perdition“, „Frida“ und auch „Far from Heaven“ jene klassischen Hollywood-Produktionen, die zwar mit ihren Stars den Lido schmücken, aber das Festival – einer der steten Vorwürfe gegen die De-Hadeln-Berlinalen – nur als Durchlauferhitzer vorm Kinostart benutzen. Andererseits erwies es sich vorm Preise-Verteilen denn doch als hilfreich, dass das Festivalprogramm genau jene asiatischen Kunstfilme enthielt, die de Hadeln zuvor noch allgemein als ein bisschen abwegig, gar „esoterisch“, gescholten hatte.

Erst in den letzten Tagen waren jene Filme zu sehen, die am faszinierenden Teppich der Weltfilmkunst weiterweben, ohne dabei die Kino-Zuschauer außer acht zu lassen. Lee Chang-dongs „Oasis“ geht dabei am weitesten: Der Film, eine Hymne auf die Liebe zwischen einem jungen Kriminellen und einer Spastikerin, steht in Korea seit seinem Start vor drei Wochen auf Platz 1 der Charts – in einem Land, in dem nach Jahrzehnten der Autokratie die Kreativität geradezu explodiert. Das Publikum dort hungert offenbar geradezu nach Geschichten, die in einem Umfeld gesellschaftlicher Repression die absolute Freiheit der Gefühle feiern.

Hong (Sol Kyung-gu) ist gerade wieder mal aus dem Knast entlassen worden – eine versuchte Vergewaltigung, einen Raub und einen Totschlag hat er schon im Strafregister. Seine Familie nimmt ihn auf, verschafft ihm Mini-Jobs, aber lehnt den wilden, ungeschickten, haltlosen jungen Mann zugleich offen ab. Wie kann auch aus so einem noch was werden, der in seinen ersten Freiheitstagen schon die Zeche prellt und Mopeds aus Abenteuerlust zu Schrott fährt und dabei fast sich selbst?

Han (Moon So-ri) lebt alleine in einer winzigen Hochhauswohnung: lebendig fast begraben. Ab und zu schleppen Verwandte sie in ihre eigenen Wohnungen – mit dem Zappelwrack lassen sich bei den Besuchern der Sozialbehörde schon mal zusätzliche Leistungen erschleichen. Eines Tages bringt Pizzafahrer Hong ihr Essen, eines weiteren Tages schickt er ihr Blumen, eines wiederum weiteren Tages kommt er in ihre Wohnung und vergeht sich an ihr. Panisch vor Scham läuft er weg. Und noch eines späteren Tages ruft Han ihn an: Die sexuelle Attacke hat sie erweckt statt sie zu erschrecken, und sie will ihn wiedersehen.

Eine filmische Gratwanderung ist „Oasis“ – ein Glücks- und Passionsweg und Rückweg in ein Glück irgendwann, den man so noch nicht im Kino gesehen hat. Wie Hong diese lebenshungrige Frau buchstäblich schultert und mit ihr durch die Welt allerkleinster, riesigster Vergnügungen stolpert, immer wieder abgewiesen und nie unterzukriegen: Das ist unsentimental inszeniert und gerade deshalb herzzerreißend anzuschauen. Und das Größte: Als der Zuschauer mit wachsendem Unbehagen darüber nachdenkt, ob hier eine reale Spastikerin der Tortur einer solchen Arbeit ausgesetzt wurde, verwandelt sie sich vor seinen Augen immer wieder für Sekunden in jene „gesunde“ Schauspielerin Moon So-ri, die sich zwei ganze Monate ausschließlich in diese Parallelwelt einlebte. Wir sehen sie mit den Augen Hongs: ein glückliche Frau wie tausend andere.

Leiden an der Liebe

Das zweite späte Glanzlicht am Lido ist „Dolls“. Auch ein radikaler Liebesfilm, aber einer der pessimistischen Art: Der Japaner Takeshi Kitano – mit seinem ähnlich poetischen, aber formal geschlosseneren „Hana-bi“ holte er 1997 den Goldenen Löwen – erzählt in drei Episoden von der extremen Verfallenheit an gewesene oder auch fiktive Lieben. Inspiriert von den tragischen Ritualen des Bunraku-Theaters, schlingt der Film seelisch tief eingedunkelte Geschichten ineinander, die in schmerzhaft leuchtenden Farben von der Vergeblichkeit aller Nähe künden.

Die Jury unter der Schauspielerin Gong Li prämierte lieber den Durchschnitt. Peter Mullans „The Magdalene Sisters“, der das traurige Schicksal von „gefallenen Mädchen“ in einem irischen Konvent der sechziger Jahre nachzeichnet, entwickelte sich in Italien sogleich zum Hit: Aber was hat der Film mit den grundguten Insassinnen und garstigbösen Nonnen außer seiner grundsoliden Attacke auf die katholische Kirche zu bieten? Und dass Andrej Kontchalowsky mit seinem Irrenhaus-Antikriegsfilm „Dom Durakow“ auf Platz zwei landete, einer sich um fellineske und kusturicanische Effekte mühenden Parabel mit Bryan Adams in einer tragenden Rolle – nun, die internationale Filmkritik wird’s mit einem Lächeln nehmen.

So gesehen, passen die Entscheidungen durchaus zu einem Festival, das in seiner Auswahl im Ganzen lieber kein ästhetisches, thematisches und gedankliches Risiko einging. Und zu einem zunächst als Rettungssanitäter einbestellten und zunehmend gefeierten Moritz de Hadeln, der das Ereignis nach den kulturpolitischen Wirren des Frühjahrs zwar wundersam am Tropf halten konnte – nur neue Impulse, gar welche, die Venedig von seinem bereits gefährdeten dritten Platz hinter Cannes und Berlin wieder nach vorn hätten katapultieren können, sind von ihm nicht ausgegangen.

Trotz aller Erfahrung, die der Mann mit seinen 30 Festivaljahren mitbringt: Es ist gerade dieses Alte-Hasen-Image, das gegen ihn spricht. Die Biennale braucht, hat sie denn erst mal die lange geforderte künstlerische und finanzielle Autonomie gesichert, junge Löwinnen oder Löwen, um wieder an Profil zu gewinnen. Leute, die – wie der geschasste Alberto Barbera, ja, man muss es ohne Nostalgie wiederholen – eine Auswahlpolitik betreiben, die ganz auf die Versammlung der allerbesten Filme ausgerichtet ist. Und Leute, die nicht – wie Moritz de Hadeln, auch das muss man bei allem Respekt sagen – immer zuerst an sich selber denken. Besonders, wenn sie fortwährend das Gegenteil behaupten.

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