Kultur : Die Hölle von Hangar 7

Ohrenbetäubend: Das Flugspektakel „Taurus Rubens“ und Stockhausens Helikopterquartett dröhnen Salzburg zu

Christine Lemke-Matwey

In Salzburg herrscht Krieg. Weltängste einjagend, Weltzweifel schürend. Fast wundert man sich, dass man nicht plötzlich – einer selbsternannten Märtyrerin gleich – aus den Ohren zu bluten beginnt, aus beiden Augen oder gleich aus der ganzen Haut. Dass der eigene Körper nicht rebelliert gegen die Gewalt, die ihm hier angetan wird. Warum lässt man den Champagner, der nebenan reichlich fließt, nicht einfach Louis Roederer sein und die Meeresfrüchtevorspeise das, was sie ist (nämlich lecker, aber doch etwas zwiebellastig) – und verschwindet, geht seiner Wege, bevor es zu spät ist, und das Abendland endgültig untergeht? Warum hält man ein derart faschistoides Spektakel bloß aus, gibt seine Zeit und ein Stück seiner Seele dafür hin, dass die Kunst hier auf’s Schamloseste mit den Gesetzen des Geldes fraternisiert, sich verkauft, verrät und ans Messer liefert?

Nun, der Champagner war’s nicht, der uns bis zum bitteren Ende bleiben ließ, ebensowenig die mäßig aufregende, mäßig futuristische Architektur der neuen Hangar-Bauten am Salzburger Flughafen (viel Glas, viel Stahl, zwei Türme nebst zwei „Ellipsoiden“, die wie die zerbrochenen Hälften einer auf dem Gesicht liegenden Untertasse gelandet scheinen). Eher wohl: Entsetzen, bleiernes Entsetzen darüber, wie leicht es heute ist, alles mit allem zu verwechseln: Mensch mit Maschine, Mythologie mit Marketing, Können mit Kitsch – und wie wenig(e) das doch stört. Am Flugfeld jedenfalls: gehobene Volksfeststimmung und Jubel. Zum Heulen, eigentlich.

In Salzburg, wie gesagt, herrscht an diesem Abend Krieg: Kampfjets versengen mit brennendem After die Grasnarbe, bohren sich senkrecht ins Nachthimmelblau, trudeln, kopfüber, kopfunter, scheinbar todesmutig gen Erde zurück, fangen sich schreiend, feuerspuckend, in Schwaden höllischen Gestanks gehüllt – und zischen von Neuem los. Ramstein, denkt man, so muss es in Ramstein gewesen sein. Schwadronen von Blackhawks zerteilen die Lüfte, stehen minutenlang still, spreizen ihre Rotorenblätter, tanzen ein tückisches Ballett – und knattern wieder von dannen, Richtung Watzmann oder Hochkönig. Möllemann, durchzuckt es einen, und wie furchtbar es doch sein muss, so laut zu sterben. Ein paar Sportflugzeuge schließlich schlagen Kapriolen, Fallschirme springen einem ins Gesicht, ein riesiger Kran hievt eine riesige Neonpyramide in die Höhe, unten donnern unentwegt Jeeps und Bagger und Laster übers Flugfeld, werden Feuer gelegt und Feuer gelöscht, ahlen sich leicht bekleidete Mädchenkörper in türkisfarbenen Wasserbassins oder auf schneeweißen Frottéehandtüchern. Das Ganze live auf ein halbes Dutzend großformatiger Video-Leinwände projiziert, versteht sich, außerdem in zeitgeistige Lichterspielchen verpackt und mit wummernden Elektronik-Rhythmen untermalt. Ein Fest für Leni Riefenstahl.

„Taurus Rubens“ (lateinisch „roter Stier“ alias „red bull“) nennt sich das Flugtheater, mit dem sich die gleichnamige österreichische Getränkefirma und die Salzburger Festspiele nun gemeinsam in Szene setzten, natürlich – auf dass man moralisch sauber bleibe – für einen guten Zweck. Ein Drittel des Gesamterlöses (Eintrittspreis inklusive Witzigmann’sches Gala-Dinner: 500 Euro) ging an die von Königin Silvia von Schweden ins Leben gerufene „Mentor Stiftung“ zur Drogen-Prävention, ein Drittel an einen Neubau der Pulmologie des Salzburger Landeskrankenhauses und ein weiteres Drittel an die Private Medizinische Universität der Stadt. Da flanierten Naomi Campell, Prinz Albert von Monaco, Desirée Nosbusch, Dolly Buster und Niki Lauda sicher gerne über den roten Teppich. Und auch wir hätten – vom himmelschreienden Kerosin- und Nervenverschleiß einmal abgesehen – gewiss kein Problem, wenn es geheißen hätte, Dietrich Mateschitz, „der reichste Österreicher“ und legendäre Firmengründer von Red Bull, würde sich und seiner privaten Flugzeugflotte, den so genannten Flying Bulls, zur Eröffnung der neuen Hangars, sagen wir, eine nette Show spendieren. Dem freilich ist nicht so, in zweierlei Hinsicht. Die besagten Kampfjets nämlich heißen nicht nur Typhoon Eurofighter respektive 3 Saab S 35 Draken, sondern sollen Zeus symbolisieren, die Blackhawks sind vom Typ S 70 und stellen die Titanen dar, der Himmel selbst erscheint in Gestalt einer Herkules C 130 K Transportmaschine Baujahr 1947, und wenn Pallas Athene geboren wird, dann segelt deren Darstellerin an einer meterlangen phosphorisierenden Nabelschnur durch die Nacht – dem Kran und der Akrobatin sei Dank.

Griechische Mythologie also oder die Geburt des Menschengeschlechts aus dem Geiste des Begehrens – das sollte hier das Thema sein. Binnen kürzester Zeit jedoch ging es nur mehr darum, wer mit wem, wo, wann und warum – Mythenklitterung im Stile von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Entsprechend peinlich ist der aus dem Off gesprochene Text: viel Geraune, viele unsäglich blöde Aktualisierungen. Solche Klippen vermochte nicht einmal ein gewiefter Profi wie der Schauspieler Harry Krassnitzer unbeschadet zu umschiffen. Was freilich das Allerübelste war, weil es die alten Griechen auf die regressiven sexistischen Fantasien und die muffigste Schlafzimmerisierung des 21. Jahrhunderts reduzierte: Dass der Mann als Gott immerzu auf chicen Phallus-Symbolen durch die Lüfte ritt, während die Frau als solche lockenschwingend und hüftenwackelnd vom Boden und aus Baggerschaufeln grüßte (Regie Hubert Lepka). Da half es wenig, wenn ganz am Ende doch irgendwie „alles fließt“...

Warum wir uns mit all dem so ausführlich beschäftigen? Weil – und das ist der zweite, gravierendere Teil des Problems – die Salzburger Festspiele ihr Label dafür hergeben. Und weil Festspielchef Peter Ruzicka, der ohnehin unter dem Verdacht steht, früher oder später in Karajansche Umlaufbahnen eintreten zu wollen, hier etwas zu verlieren hat: Wegbegleiter, Freunde beispielsweise und ein Publikum, das nicht nur zahlt, sondern auch zählt. Dabei – und das ist das Bedrohliche – reichen die Dimensionen weit über das alte Klagelied in Sachen Kunst und Kommerz hinaus. Ruzicka liegt mit dem Schauspiel im Zwist und hat auch in der Oper künstlerisch keine glückhafte Saison zu verzeichnen: Die „Entführung“ soll überarbeitet werden, „Hoffmanns Erzählungen“ geht als Morgengabe an die Altvorderen in die Annalen ein, Henzes „L’upupa“ als Verbeugung vor dessen Lebenswerk, und der neue „Titus“ enttäuschte einfach nur. Handlungsbedarf also. Eine Situation, die Ruzicka taktisch zu liegen scheint. Einerseits und auf den ersten Blick macht er sich am Airport „Wolfgang Amadeus Mozart“ (!) mit einem Highlight der Fashion-Event- Kultur gemein; andererseits und auf den zweiten Blick aber unterschiebt er diesem im ersten Teil des Abends ein lustiges Kuckucksei, nämlich die Salzburger Erstaufführung von Karlheinz Stockhausens sagenumwobenen „Helikopter-Quartett“.

Auf den dritten Blick könnte es also so aussehen, als würde Ruzicka den Spieß umdrehen, ja als setzte er dem ganzen lästigen Brimborium avantgardistische Hörner auf. Ursprünglich war das Quartett für zwei Violinen, Viola, Violoncello, vier Toningenieure, vier Piloten und vier Hubschrauber ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele 1994, konnte aber dort aus diversen Gründen nicht realisiert werden und erlebte seine Uraufführung 1995 in Holland: Naomi Campell, Dolly Buster und Niki Lauda als staunende Zeitzeugen einer späten Bringschuld? Gefangen in Stockhausens hoch komplexen, mathematisch durchkalkulierten, letztlich erst am Mischpult erzeugten Polyphonie-Gespinsten aus Streicherseelenfäden und apokalyptischem Rotorenrattern? Doch die Welt der Fashion-Events wäre nicht, was sie ist, wenn ihre Busenwunder und Ikonen ausgerechnet vor der Kunst Scheu an den Tag legten. Und so bringt denn der vierte Blick die Wahrheit ans Licht: Wer mit der Gesellschaft spielt, kommt in ihr um.

Kaum hatten die Musiker des Stadler Quartetts in ihren Blackhawks nämlich begonnen, den Himmel zu stürmen und inbrünstigst gegen die Übermacht der sie erhebenden, sie knebelnden Technik anzuspielen, gegen das Entfremdetsein, gegen die verfluchte Einsamkeit des Menschen unter der Salzburger Abendsonne – da befanden die Wohltätigen und Schönen unten am Boden, dass es im Hangar 7 doch entsetzlich stickig sei und das Ganze überhaupt: eine rechte Zumutung. Kinderkram. Katzenmusik. Nichts wie raus also und scharen-, nein: hangarweise hinüber zu Meeresfrüchten und Schampus in Nummer 8. Schwatzend, lachend, lärmend. Von da aus ließ es sich denn auch nett applaudieren, als der Komponist eine halbe Stunde später ein paar Worte in die Kamera sprach. Beim nächsten Mal, so Stockhausen kreidebleich, würde er einen stillen Raum bevorzugen, innen wie außen: „Sie müssen wissen, es geht um Musik.“ Musik und Stille aber waren in Salzburg nicht zu haben. Denn hier herrscht Krieg.

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