Kultur : Die Höllenbezwingerin

KONZERT

Ulrich Amling

Ob die Berlinale wohl solch zart strahlende Sterne kennt wie Vivica Genaux ? Wenn die in Alaska geborene Mezzosopranistin die Bühne der Staatsoper Unter den Linden betritt, hält das Publikum den Atem an – und gerät sogleich in den Bann vollendeter Bühnenpräsenz. Mit stiller Grazie verbinden sich in Viviva Genaux Stolz und Demut, Furor und Schmerz der Liebe. René Jacobs fand in ihr die ideale Interpretin für jene Werke, die einst dem Kastraten Farinelli auf die Stimmbänder komponiert worden waren. Der schier unendliche Stimmumfang ohne harte Brüche und Kanten, der fast endlose Atem machten den in jungen Jahren unters Messer geraten Sänger zur bejubelten Offenbarung. Wie Farinellis Stimme tatsächlich klang, weiß heute niemand, doch beschrieben die Zeitgenossen sein Organ als durchdringend, füllig und dick. Nichts könnte weniger zutreffend sein für die kleine, agile, wunderbar ebenmäßige Stimme Vivica Genauxs, die auch halsbrecherische Verzierungen von ihrem kalten Prunk erlöst und Innerlichkeit selbst im Rausch der Triller findet. Die „Akademie für Alte Musik Berlin“ spielt mit hypnotischer Geistesgegenwart, und der Dirigent René Jacobs schiebt seine Solistin während erlesen ausgesuchter Instrumentalstücke fürsorglich von der Bühne, um sie dann im größten Jubel plötzlich zum zweiten Mal an Letes Ufer treten zu lassen. Vivica Genaux schlägt erschreckt die Hände vors Gesicht – und steigt bei der Zugabe noch tiefer hinab zum Herzensgrund. Die Staatsoper liegt ihr zu Füßen.

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