Kultur : Die hohe Kunst des Hörens

Die neuen Fellows der American Academy.

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Zuhören. Anhören. Mithören. Eigentlich wollte sich Leslie Dunton-Downer im Rahmen ihres Stipendiats bei der American Academy mit dem Thema „Hören“ beschäftigen – und was es für Konsequenzen haben kann. Aber dann entdeckte sie, wie viele Arten des Hörens die deutsche Sprache kennt. Ausgang war ihre Faszination mit der Stimme eines jungen Muslims, dessen Gesang an der Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan sie kurz vor den 9/11-Anschlägen nachhaltig faszinierte. Die Konsequenzen des Hörens interessieren sie gerade in einer Zeit der Dissonanzen zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Nun entdeckte sie, dass es im Deutschen auch die Worte „abhören“ und „aufhören“ gibt. Und jetzt verändert sich ihr Thema gerade. Die Vorstellung der Frühjahrs-Stipendiaten brachte denen, die es bei Blitzeis bis an den Wannsee geschafft hatten, das erhoffte intellektuelle Feuerwerk.

Dabei zeigte sich, dass nicht alles schlecht sein kann an der NSA. Zumindest wirken ihre Umtriebe inspirierend auf Künstler. Holtzbrinck-Stipendiatin Sylvia Nasar begrüßte die Gäste auf Bayerisch, der Sprache ihrer Mutter. Die Professorin und Autorin, unter anderem des Bestsellers „A Beautiful Mind“, befasst sich in ihrem Academy-Projekt auch mit Spionage. Es geht ihr um die unterschiedlichen Formen von Kollaboration mit den Kommunisten am Ende des Zweiten Weltkrieges. Was trieb wohlhabende, gebildete, sensible Zeitgenossen dazu, mit den Sowjets zu sympathisieren und die Seiten zu wechseln?

Der Historiker Brian Linn, der sich mit der Transformation des Soldaten Elvis Presley befasst, zählt zu den 15 Stipendiaten, ebenso wie die Archäologin Janet Richards, die entdeckt hat, dass sich politisches Handeln in den letzten paar tausend Jahren nicht wesentlich verändert hat. US-Botschafter John Emerson sagte, dass der elektrisierende Geist der Stadt, die sich wie keine zweite in Europa im letzten Jahrhundert verändert habe, eingewoben sei in den Stoff, aus dem die Academy gewirkt ist. Er sieht sie als einen guten Ort, um in Zeiten der Veränderung darüber nachzudenken, wie Deutschland und die USA neue Herausforderungen gemeinsam annehmen können. Eines wurde deutlich an diesem Abend: Das Hören, besonders in der Variante „aufeinander“, lässt sich auch als Kunst betreiben. Elisabeth Binder

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