• "Die Holocaust Industrie": Das Buch produziert den Antisemitismus - Norman G. Finkelstein im Gespräch

Kultur : "Die Holocaust Industrie": Das Buch produziert den Antisemitismus - Norman G. Finkelstein im Gespräch

Mr. Finkelstein[was antworten Sie einem deutschen]

Norman G. Finkelstein (47), streitbarer Autor nun des Piper Verlages München. lehrt Politikwissenschaften an der City University in New York. Im vergangenen Jahr hat sein Buch "The Holcaust-Industry" in Deutschland heftige Reaktionen ausgelöst. Finkelstein wirft darin vor allem jüdischen Organisationen in Amerika wie der Jewish Claims Conference vor, den Holocaust zu instrumentalisieren, um mit dem Leid der Juden Geschäfte zu machen. Die deutsche Übersetzung erscheint dieser Tage im Münchener Piper Verlag. Finkelstein wird seine Thesen am Mittwochabend in der Berliner Urania vorstellen.

Mr. Finkelstein, was antworten Sie einem deutschen Neonazi, der Ihnen sagt, dass er ihr Buch toll findet?

Soweit ich weiß, lesen die meisten Nazis ohnehin keine Bücher. Nein, ernsthaft: Wer mein Buch unbefangen und sorgfältig liest, findet darin nicht einen einzigen antisemitischen, nazistischen oder revisionistischen Satz. Diejenigen, die nicht mögen, was ich schreibe, denunzieren mich als revisionistisch oder antisemitisch, aber mein Ziel ist das genaue Gegenteil. Ich will das Ende der Holocaust-Industrie, und diese Holocaust-Industrie ist in der heutigen Welt die Hauptursache des Antisemitismus.

Wer soll denn diese so genannte Holocaust-Industrie sein und wem gehört sie?

Die Holocaust-Industrie besteht aus all denjenigen Personen, Organisationen und Institutionen, die heute politisch oder finanziell von den Leiden des jüdischen Volkes profitieren oder dieses Leiden ausbeuten, um ihre Ziele leichter zu erreichen.

Geht es konkreter?

Ich habe Personen wie Elie Wiesel genannt, Organisationen wie die Jewish Claims Conference oder Einrichtungen wie das Holocaust-Museum in Washington.

Sie beschuldigen unter anderem die Claims Conference, deutsche Entschädigungsgelder in falsche, eigene Kanäle geleitet zu haben. Das ist ein schwerer Vorwurf. Sind Sie deshalb verklagt worden?

Nein, im Gegenteil. Ich habe diese Organisationen sogar gebeten, mich zu verklagen. Ich habe ihnen das Manuskript geschickt, mit den Worten: Wenn ihr nicht mögt, was ich geschrieben habe, dann verklagt mich bitte. Lasst uns vor Gericht offen darüber diskutieren, was wahr ist. Ich habe das Gleiche zu Israel Singer gesagt, dem Direktor des World Jewish Congress. Aber sie wissen erstens, dass ich Recht habe, und zweitens, dass bei mir die übliche Taktik nicht funktioniert - die Taktik, jemanden, der diese Themen anschneidet, als Holocaustleugner oder als Antisemiten hinzustellen.

Hat man das versucht?

Nein. Das wäre bei mir unglaubwürdig. Mein wissenschaftlicher Ruf ist exzellent, ich habe meinen Abschluss in Princeton gemacht, eine Menge Bücher geschrieben oder mitgeschrieben und bin dafür ziemlich oft gelobt worden. Meine, wenn ich es mal so nennen darf, Holocaust-Glaubwürdigkeit ist tadellos. Meine Eltern haben während des Krieges viel durchgemacht. Mich persönlich zu diskreditieren, ist unmöglich. Es bleiben nur die Fakten, aber sie wissen, dass meine Fakten stimmen. Eine andere beliebte Taktik ist es, die deutsche Karte zu spielen...

Die deutsche Karte?

Im britischen Fernsehen wurde ein Vertreter des Jewish Congress nach meinen Vorwürfen wegen der zweckentfremdeten Entschädigungsgelder gefragt. Er antwortete mit dem Gegenvorwurf, dass ich in meinem Buch aus einer deutschen Zeitung zitiert habe. Ich sei ein Schüler der Deutschen, weil ich deutsche Quellen benutze. Ich hatte einen Korrespondenten der "Frankfurter Allgemeinen" zitiert. Solche Taktiken werden benutzt.

Ein Kritiker hat geschrieben: Wenn Norman Finkelstein John Miller hieße, würde sich kaum jemand für sein Buch interessieren.

Ja, das stimmt.

Sie haben also Narrenfreiheit?

Ich genieße eine gewisse Immunität. Ich kann Dinge sagen, die andere nicht sagen können. Wenn andere es sagen würden, könnte man gegen sie die übliche Taktik anwenden. Was andere nur im privaten Kreis zu sagen wagen, dass nämlich der Holocaust von einigen zu ihrem Vorteil missbraucht wird, kann ich öffentlich aussprechen, ohne deswegen völlig zerstört zu werden. Das ist der Vorteil meiner jüdischen Familiengeschichte. Und den nutze ich aus.

Ihre Mutter hat als Holocaust-Überlebende nur eine beschämend geringe Entschädigung erhalten, 3500 Dollar. Ihre eigene akademische Laufbahn war bisher nicht sehr glanzvoll. Haben Sie das alles nicht nur aus persönlicher Verbitterung geschrieben?

Ja, sicher, ich hatte auch persönliche Motive. Aber wieso soll diese Tatsache meine Glaubwürdigkeit berühren? Die meisten Autoren haben persönliche Motive. Als Hannah Arend "Eichmann in Jerusalem" schrieb, hatte sie ja auch persönliche Motive. Außerdem hat "The Holocaust Industry" meinem akademischen Ruf ganz sicher nicht genützt. "The Nation on Trial", mein vorheriges Buch, zu dem Hans Mommsen das Vorwort der deutschen Ausgabe geschrieben hat, wurde von der "New York Times" zu einem der "Bücher des Jahres" ernannt. Das war 1998. Das neue Buch dagegen hat die wahrscheinlich negativste Rezension in der ganzen Geschichte der "New York Times" bekommen. Ich habe mir einmal die Besprechung von "Mein Kampf" in der "Times" aus dem Jahr 1934 angeschaut - sogar Hitler ist freundlicher besprochen worden als ich.

Was bedeutet es, dass Ihr Buch jetzt in Deutschland herauskommt, im Land, aus dem die Täter kamen?

Ehrlich gesagt, für mich ist es eine moralische Herausforderung, mit Leuten in Kontakt zu kommen, von denen mich eine historische Kluft trennt. Und als amerikanischer Jude trennt mich nun einmal einiges von Palästinensern und Deutschen.

Was glauben Sie, was Sie in Berlin erwartet?

Ich habe keine Erwartungen, nur eine Hoffnung: Dass mein Besuch dazu beiträgt, eine offenere Diskussion in Deutschland zu legitimieren. Denn es gibt in den USA heute einen grotesken, ausbeuterischen Missbrauch des Holocaust. Deutschland wird mit Hilfe des Holocaust politisch auf Linie gehalten und finanziell gemolken.

Gemolken?

Der Holocaust ist eine politische Waffe. Deutsche haben legitime Gründe dafür, sich gegen diesen Missbrauch zu wehren. Gleichzeitig beschäftigen sich viele Deutsche auf ehrliche, moralische und ernsthafte Weise mit den Schrecken der Nazizeit. Die Deutschen sind, was die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte angeht, den Amerikanern weit voraus. Sie zeigen viel guten Willen. Aber nichts, was die Deutschen tun, wird von diesen Organisationen, über die ich gesprochen habe, jemals honoriert werden.

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