Kultur : "Die Holocaust-Industrie": Die Umfrage

Der Widerstand gegen Hitler, sagen Spötter über die nachkriegsdeutschen Eiertänze, wächst jeden Tag. Je weiter wir uns vom historischen Ereignis entfernen, desto unschärfer wirkt die gelernte Erinnerung, desto rasanter entwickelt sich mit der Mythisierung die Trittbrettfahrt einer Projektion: Wir sind das Opfer. Problematisch an diesem kollektiven Infofühl-Prozess ist seine Künstlichkeit, jenseits eigener Erfahrung: "Erinnerung" als ein Produkt medialer Konstruktionen, das - so es nicht durch eigenes Denk-Erleben anverwandelt wird - mit denselben Mitteln wieder umgeformt werden kann.

1000 Deutsche sind nach ihrer Meinung über Norman Finkelsteins Buch "Die Holocaust-Industrie" gefragt worden, das erst seit Mittwoch auf Deutsch zu lesen ist. Die Hälfte stimmten teilweise, 15 Prozent uneingeschränkt der These des Autors zu, dass sich jüdische Organisationen an Entschädigungen von Holocaust-Opfern bereichern. Unter den 24 bis 29jährigen waren fünf Prozent mehr als im statistischen Durchschnitt dieser Ansicht, die jüngeren sind mit 45 Prozent Finkelstein-Ablehnern wieder kritischer. Das Ost-West-Spektrum unterscheidet sich laut Emnid kaum. Hat "der Deutsche" hier also die Chance ergriffen, um endlich mal (legitimiert durch das nachgeborene Opfer Finkelstein, den Rächer des individuellen Opfers in Gestalt seiner Mutter) zugleich böse und gut sein zu können: sowohl gegen "die Juden" als auch gegen Hitler? Dann wäre die Debatte samt den öffentlichen Publikumsentladungen nur eine raffinierte Schizo-Steigerung des Goldhagen-Hypes, mit dem 1997 die alte Kollektivschuld-These poppig recyclet wurde. Parallellen zwischen beiden Vorgängen sind, was die Show- bzw. Recherche-Qualität der Protagonisten betrifft, kaum zu übersehen. Zur Schizo-Steigerung gehört es aber auch, mit einer solchen Schnellschuss-Umfrage Stimmung zu machen. Wahrheitsfindung? Da verprasselt "der Holocaust" als beliebiger Brennstoff im Hysterie-Diskurs der Woche.

Die Gesellschaft post Auschwitz in der Zwickmühle: Sie muss daran festhalten, dass die Ermordung der Juden Europas ein einzigartiges Menschheitsverbrechen ist; das fördert die Sakralisierung dieses Erinnerungskomplexes (denn das "Heilige" finden wir, säkularisiert, in der unvorstellbar negativen uniqueness). Durch solche Sakralisierung wachsen die Distanz und der moralische Anspruch an jeden, der professionell mit dem Sakrosankten umgeht. Der Komplex wird zum Fremdkörper, zum Fundus für Vergangenheitsaufbereitungs-Rituale, mit denen wir periodisch Identitätsspiele inszenieren. Gegen solche Entfremdung und Entertainisierung hilft nur: Wiederbelebung der oral history. Sprechen Sie mit der ersten, zweiten Generation, soweit vorhanden, mit Onkels und Tanten, Großeltern, vielleicht gar Eltern: über das, was Sie schon immer wissen wollten zum "Nichtgesehenhaben", aber irgendwie nie zu fragen wagten. Auch wenn es Sie selbst nicht interessiert: Es gibt offenbar ein paar Youngsters, die das Recht haben, ihre Familien-history zu kennen.

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